Energiewende in Deutschland
BayernLB

Energiewende in Deutschland: Weg zum Ökostrom vorerst holprig

2037 sollen erneuerbare Energien die deutsche Stromerzeugung dominieren. Die Übergangslösung ist Erdgas aus Russland, was aus geopolitischer Sicht zunehmend kritischer wird. Unser Experte spricht über die aktuellen Herausforderungen der Energiewende.

Energiewende: Deutschland ist weiterhin auf Gas als Übergangslösung angewiesen

Die strengen Klimaziele, die sich Deutschland und die EU stellen, haben sie bereits vor einiger Zeit ahnen lassen: die Energiewende. Doch der Weg zum Ökostrom gestaltet sich bis dato eher holprig. Mit der geplanten Abschaltung der drei verbliebenen Kernkraftwerke Ende 2022 rückt der Atomausstieg immer näher. Gleichzeitig steigt der Energieverbrauch, vor allem aufgrund der stark wachsenden E-Mobilität und dadurch, dass wir immer mehr mit Wärmepumpen heizen. Diese Entwicklung lässt die Strompreise auf Rekordhöhe steigen. Das merken sowohl Endverbraucher als auch Industrie.

Seit dem Ukraine-Krieg steht Deutschland vor einem neuen Dilemma. Der Verzicht auf das russische Gas – der Anteil der Import aus Russland liegt bei 55 Prozent – könnte die deutsche Wirtschaft schwer treffen. Vor diesem Hintergrund strebt Deutschland an, sich vom russischen Gas zu emanzipieren und sucht händeringend nach alternativen Rohstoffquellen.

hl_1

Aber: Können wir so schnell auf russische Gaslieferungen verzichten? Was bedeutet die Gasknappheit für die Wirtschaft und die Privathaushalte? Und vor allem: Wie geht es mit der Energiewende unter den aktuellen Bedingungen weiter?

Bei der Stromgrundlast ist Gas vorerst unverzichtbar

Die Prognosen in Bezug auf die Energieversorgung sind momentan nicht besonders vielversprechend. Laut Internationaler Energieagentur (IEA) erhöht sich der weltweite Gasverbrauch, nachdem sich die Weltwirtschaft von der Corona-Pandemie erholt hat, bis 2024 um rund sieben Prozent (im Vergleich zum Vor-Corona-Level). Dieser Anstieg geht zum einen auf die stärkere Nachfrage der Industrie zurück. Auf der anderen Seite wird im Zuge der Dekarbonisierung zunehmend Kohle durch Gas als Übergangslösung ersetzt. Der Ukraine-Krieg zeigt einmal mehr, wie abhängig die deutsche Wirtschaft von Erdgas aus Russland ist. Doch auf alternative Rohstoff-Lieferungen ist Deutschland derzeit gar nicht vorbereitet.

Dr. Jürgen Michels, Chefvolkswirt bei der BayernLB, glaubt: „Es müssen zunächst massive Investitionen getätigt und neue Anlagen gebaut werden, um in Zukunft vom russischen Gas unabhängig zu werden. Wir gehen davon aus, dass wir dieses angestrebte Ziel erst in ein bis zwei Jahren erfüllen können.” Das Problem, das der Chefvolkswirt sieht: Würde man auf Flüssiggas aus Katar, Norwegen und aus den USA umstellen – was jedoch nicht sofort funktioniert –, hätte Deutschland für die Einspeisung in unser Gasnetz gar keine Kapazitäten. Um die Energiesicherheit der kommenden Jahre zu garantieren, müssen also Zwischenlösungen gefunden werden. Denn auch wenn wir mittlerweile viele erneuerbare Energien haben, schwankt die Versorgung damit noch recht stark, sodass der Ökostrom keine Grundlast gewährleisten kann. „Da werden wir sicherlich noch einige Jahre mit Gas operieren müssen“, sagt Dr. Michels.

Wenn Russland den Gashahn zudreht …?

„Die Gefahr, dass Russland das Erdgas abdreht, ist durchaus realistisch. Dann könnte die gesamte deutsche Wertschöpfungskette zum Erliegen kommen“, meint Michels. Der Hintergrund: Gas bringt nicht nur die Wärme in unsere Haushalte. Es gibt ganz viele Prozesse in der Wirtschaft, die von diesem Rohstoff abhängen. Der Chefvolkswirt gibt jedoch auch Entwarnung: „Wir haben zunächst einmal vorhandene Gaskapazitäten, die wir nutzen können. Sicherlich werden wir auch zusätzliche LNG-Vorkommen von anderen Ländern bekommen. Darum ist das Szenario, dass die Stromversorgung wegbricht – selbst wenn Russland über Nacht nicht mehr liefern würde – sehr unwahrscheinlich.“

Energiepreise hängen von der Entwicklung der globalen Wirtschaft ab

Wie sich die Strompreise entwickeln, hängt nach Meinung des BayernLB-Experten nicht nur vom Verlauf des Ukraine-Krieges ab, sondern auch davon, wie es mit der globalen Wirtschaft weitergeht. Schwächelt beispielsweise die chinesische Wirtschaft, hat dies Konsequenzen für die weltweite Konjunktur. Denn die Marktteilnehmer merken sofort, dass ein Abnehmer nicht mehr dabei ist – und die Preise sinken. Andererseits ist es möglich, dass das aktuell hohe Preisniveau zusätzliche Förderkapazitäten aktiviert. „Wir gehen davon aus, dass wir auf Sicht von drei bis sechs Monaten durchaus eine gewisse Reduktion der Gas- und Ölpreise bekommen“, prognostiziert Michels.

Doch leider bedeutet dies nicht, dass die Energiepreise in den nächsten Jahren grundsätzlich sinken. Im Gegenteil: Die Dekarbonisierung – wenn der Kohlenstoff in der Energieerzeugung wegfällt – wird tendenziell zu höheren Kosten führen. „Und das werden wir letztendlich auch am Energiepreis spüren“, sagt Michels.

Wie Privat-Verbraucher mit hohen Energiepreisen umgehen können

Vorsorgen und Vorräte schaffen funktioniert bei Rohstoffen nur bedingt. Darum bleiben dem Privat-Verbrauchen nur eingeschränkte Mittel übrig, um sich gegen steigende Energiepreise abzusichern. Aus der Sicht der BayernLB könnten Privatpersonen über bestimmte Finanzmarkt-Instrumente nachdenken. Zu erwähnen ist jedoch, dass es sich dabei um durchaus spekulative, derivative Instrumente handelt, die nicht für jeden Privatanleger geeignet sind. Der andere Weg wäre, den Energieverbrauch, so gut es geht, einzuschränken. Mehr Vorsorge ist aktuell jedoch nicht möglich.

Michels meint, Privathaushalte müssen sich darauf einstellen, dass fossile Energieträger in den kommenden Jahren teurer werden. Unter anderem durch Steuern und Abgaben, die bereits erhoben werden oder in Planung sind. Vieles hängt davon ab, wie der Ukraine-Krieg verläuft und wie sich die Energiewende entwickelt. „Langfristig ist es sinnvoll, sich nach Quellen der Energieversorgung aus erneuerbaren Energieträgern umzuschauen, ob für das eigene Haus oder fürs Auto“, meint der Experte.

Aktuelle Energiepolitik am Wohlstandsverlust beteiligt?

Noch zu Beginn des Jahres sind wir davon ausgegangen, dass sich die Konjunktur nach der Corona-Pandemie erholt und sich alles wieder nach vorne bewegt. Doch laut aktueller Prognosen erwarten wir eine Stagflation in Deutschland und in Europa: Die Wirtschaft stagniert – bei gleichzeitiger Inflation und Unterbeschäftigung. Abzusehen ist, dass die Inflation weiterhin steigt und Realeinkommen schwinden – was sich letztendlich in allerlei Wohlstandsverlust bemerkbar macht. Die erste Wohlstands-Delle haben wir in der Corona-Krise erlebt: Die Verschuldung der öffentlichen Haushalte ist deutlich angestiegen. Mit hervorgerufen durch die Pandemie ist auch die Inflation stark gestiegen und die privaten Haushalte haben an Kaufkraft verloren. Hinzu kommen nun steigende Energiepreise durch den Krieg in der Ukraine und die Sanktionen gegen Russland.

Um Industrie und Privatverbraucher dabei zu entlasten, soll zwar zur Jahresmitte 2022 die EEG-Umlage (derzeit noch 3,7 ct/kWh) wegfallen. Der weitere Preisanstieg für Strom ist jedoch absehbar. Und die Abkoppelung von Russland wird langfristig deutlich wachsende Preise für Strom und Wärme zur Folge haben.

Wasserstoff könnte die Zukunft der Energiewende sein

Die BayernLB hat sich in vielen Studien mit dem Thema Wasserstoff auseinandergesetzt: „Da sehen wir eine für die Zukunft durchaus wichtige Technologie“, so der Chefvolkswirt. Weil sie uns die Möglichkeit gibt, alle erneuerbaren Energieträger, ob aus der Sonne oder der Windkraft, grundlastfähig zu machen sowie diese Energie zu speichern und weiterzuverwenden. „Leider stehen wir erst am Anfang dieser Technologien – und es bedarf höchstwahrscheinlich noch vieler Investitionen. Darum wird es eine ganze Zeit lang dauern, bis das wirklich in die Tat umgesetzt werden kann“, resümiert Dr. Jürgen Michels. Und setzt hoffnungsvoll fort: „Ich glaube, die momentane Krise stellt durchaus eine Zäsur für die deutsche Wirtschaft dar. Aus diesem großen Schock ziehen wir jedoch unsere Lehren. Damit wir in den kommenden Jahren mit einem resilient aufgestellten Wirtschaftsmodell langfristig wieder Wohlstand garantieren können.“

Hören Sie die gesamte Ausgabe unseres Podcast #vollerEnergie

Damit Sie unseren Podcast hören können, benötigen wir Ihre Zustimmung für Cookies für Audioinhalte.