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Neue schöne Welt

Wer heute in die ferne Zukunft schaut, neigt oft zu Schwarzmalerei. Dabei besteht durchaus Grund zu Optimismus. Ein Blick in die Lebenswelten des 22. Jahrhunderts – zugegebenermaßen ohne Gewähr. Von Stefan Schmortte

Das Auto lenkt, der Mensch denkt: Der Roboter am Steuer war bereits Anfang der 70er Jahre ersehnt. Heute ist er beinahe schon Realität.

© Günter Radtke, aus dem Buch: "Zukunft - Das Bild der Welt von morgen" (Günter Radtke war lange Jahre Chef-Illustrator und Pressezeichner des Magazins Stern)

Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Wir schreiben das Jahr 1910. Der renommierte Journalist Arthur Brehmer lädt die Koryphäen seiner Zeit dazu ein, sich ein paar Gedanken darüber zu machen, wie die Welt in 100 Jahren wohl aussehen könnte.

In seiner Anthologie, die schnell zum veritablen Bestseller avanciert, entwerfen die Autoren das Bild einer Zukunft, wie sie fantastischer kaum sein könnte. Krankheiten: gibt es nicht mehr, dank fortgeschrittener Radiumtherapie. Die Landwirtschaft: revolutioniert durch elektrifizierte Treibhäuser, in denen Äpfel wachsen, größer noch als Melonen – mindestens. Und die Kommunikation: allgegenwärtig mittels eines „Telephons in der Westentasche“, „nicht größer als eine Pillenschachtel“.

Nicht nur die Erfindung des Handys sieht der heute vergessene Robert Stoss in seinem Beitrag von 1910 hellsichtig voraus. Selbst das Online-Shopping ist für ihn schon beschlossene Sache: „Man wird einfach von seinem Zimmer aus alle Warenhäuser der Welt durchwandern und in jeder Abteilung Halt machen, wo man etwas auszuwählen wünscht. ... Die ganze Erde wird ein einziger Ort sein, in dem wir wohnen.“

Als so treffsicher haben sich zwar nicht alle Wünsch-dir-was-Fantasien erwiesen, aber auch wenn die Autoren mit ihren Vorhersagen für das Jahr 2010 zum Teil kräftig danebenlagen, ist ihnen trotz aller Unterschiede doch eines gemein: eine fast schon religionsstiftende Zuversicht in die Welt von morgen. Wie eine Dampfwalze rollt sich die Vision Possible durch ihre Gedanken. „Kulturpessimisten gab es damals zwar auch, aber die große Masse schwelgte lieber in Optimismus“, sagt Georg Ruppelt, langjähriger Direktor der Leibniz-Bibliothek in Hannover, der den Bestseller von damals zum hundertjährigen Jubiläum 2010 noch einmal herausgab. „Es sollte vorwärts gehen, aufwärts mit der Menschheit und für so manche geradewegs ins Paradies.“

Nichts ist unmöglich: In den 50er Jahren zeugen zahlreiche Magazine davon, wie die Vision Possible die Ideen der Ingenieure beflügelte.

© Cover: Egmont Ehapa Media/hobby Das Magazin der Technik, August 1958 (li), imago/United Archives International (re)
© Cover: Mechanix/TechnicaCuriosa.com (li), Interfoto/Friedrich/Mit freundlicher Genehmigung ds Pabel-Moewig_Verlag KG, Rastatt

Und heute? Herrscht nur noch die große Lust am Weltuntergang. Spätestens seit 1972/73 – den Jahren, als der Club of Rome erstmals „Die Grenzen des Wachstums“ aufzeigte und die Währungsordnung von Bretton Woods zusammenbrach – suhlt sich die Welt in Heulen und Zähneklappern. Der Brexit: ein Vorbote für das Ende der Europäischen Union. Der Klimawandel: Todesstoß für das Raumschiff Erde. Und der gar nicht mehr so neue Mann im Weißen Haus: ein unberechenbarer Psychopath, der die Welt im schwelenden Nordkorea-Konflikt womöglich an den Abgrund führt.

Die einen fürchten die Herrschaft der Roboter, die anderen den Zusammenbruch des Finanzsystems. Und alle gemeinsam zittern sie vor dem Massensterben der Bienen. Nur noch 100 Jahre gab der Starphysiker Stephen Hawking dem Leben auf dem blauen Planeten. „Die Erde ist in so vielen Bereichen bedroht, dass es für mich schwierig ist, noch positiv zu denken“, sagte er.

Natürlich, Klimawandel, Bevölkerungswachstum und die Angst, dass intelligente Roboter den Menschen ihre Arbeitsplätze bald streitig machen könnten, sind sehr konkrete Gefahren für die Zukunft der Gesellschaft. Aber ist das schon Grund genug, um ein allerletztes Gebet in Richtung Himmel zu schicken?

„Man kann sich heute darüber lustig machen, dass die Zeitgenossen der ersten Eisenbahnzüge noch befürchteten, bei 30 Stundenkilometern würde ihnen das Trommelfell platzen“, sagt Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Aber so grundverschieden sind unsere modernen Ängste davon nicht. Die Digitalisierung, sagt er, ist nur ein weiterer Beschleunigungsschub, dessen Anfänge auf die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts zurückweisen. Seit damals ist die Zukunft nicht mehr „die Fortschreibung der Vergangenheit, die ewige Wiederkehr des immer Gleichen“, sondern sie ist „offen und unbekannt geworden“.

Das macht vielen Menschen Angst, auch wenn sich ihre Befürchtungen in der Vergangenheit oft als unbegründet erwiesen. Positiver Fortschritt, man traut es sich angesichts der vielen Untergangsszenarien kaum zu formulieren, ist allgegenwärtig. Zum Beispiel beim Thema Hunger, dem mit Abstand existenziellsten Problem der Menschheit. Einer von neun Erdenbürgern weltweit, insgesamt 815 Millionen, leidet noch immer an chronischer Unterernährung. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Die Zahl der Allerärmsten ist nach den Statistiken der Welternährungsorganisation FAO seit 1990 um 216 Millionen gesunken, trotz wachsender Weltbevölkerung. Generaldirektor José Graziano da Silva glaubt deshalb, dass wir „mit Hunger und Armut bis 2030 Schluss machen können“.

Oder das Thema Lebenserwartung: Wer 1865 geboren wurde, durfte froh sein, wenn er seinen 40. Geburtstag erlebte. Die enorm hohe Kindersterblichkeit senkte die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer in Deutschland auf 34, für Frauen auf 37 Jahre. Heute dagegen dürfen die Menschen dank verbesserter Hygiene, Antibiotika und Herzschrittmachern im globalen Mittel mit gut 70 Jahren Lebenszeit rechnen, in reichen Ländern wie Deutschland sogar mit rund zehn Jahren mehr. Und es sieht ganz danach aus, als wäre damit noch nicht Schluss. „Der erste Mensch, der 135 Jahre alt werden wird“, sagt der niederländische Geriatrie-Professor Rudi Westendorp, „ist heute bereits geboren.“

Das sind nur zwei Beispiele dafür, dass die Zukunft vielleicht doch nicht so übel werden muss. Aber wie könnte das Leben im Futur ganz konkret aussehen? Werden wir bald mit 4,5 Mach in nur einer Stunde über den Atlantik jetten – so wie es ein ultraschnelles Flugzeug verspricht, das Forscher der Airbus Group bereits zum Patent angemeldet haben? Wird die Mission von Donald Trump dann vollendet sein, der erst Mitte Dezember ankündigte, er wolle mit dem „Deep Space Gateway“ eine Art cislunarer Tankstelle nahe dem Mond errichten, damit die Astronauten von dort aus noch viel weiter in die Tiefen des Alls vordringen können? Bis zum Mars oder sogar darüber hinaus.

Hier auf Erden sind die Städte der Zukunft bereits im Entstehen. Etwa in China, wo die Mega-Region Jing-Jin-Ji mit Peking im Zentrum nach ihrer Fertigstellung 130 Millionen Einwohner zählen soll – weit mehr, als heute in ganz Deutschland leben. Aber wie werden die Menschen in diesen Mega-Cities leben? Was werden sie arbeiten und womit ihre Freizeit verbringen? Ist die Virtual Reality dann so weit fortgeschritten, dass sich die Wirklichkeit nicht mehr von ihr unterscheidet? Werden wir unter unserer Haut NFC-Chips tragen, mit denen wir unsere Häuser und Wohnungen ohne Schlüssel öffnen, so wie es Jens-Peter Labus, Geschäftsführer der Media-Saturn-Sparte IT Solutions auf einer Veranstaltung des Elektronikhändlers als „Chief Cyborg Officer“ erst kürzlich im Eigenversuch demonstriert hat? Wird der Mensch dann überhaupt noch derselbe sein, als den wir ihn heute kennen?

Daran glaubt der israelische Historiker Yuval Noah Harari am allerwenigsten. In seinem jüngst erschienenen Welt-Bestseller „Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“ schreibt er: „Relativ geringfügige Veränderungen bei den Genen, Hormonen und Nervenzellen reichten aus, um den Homo erectus ... in den Homo sapiens zu verwandeln“, der statt einfacher Steinmesser „Raumschiffe und Computer herstellt“. Nach vier Milliarden Jahren Evolution seien die Bioingenieure nun an der Schwelle angelangt, die es ihnen ermögliche, „neue kleine Götter zu schaffen, die sich von uns Sapiens möglicherweise genauso unterscheiden wie wir vom Homo erectus“.

Draußen Schnee, drinnen Sonne: Pool-Freuden und Winterzauber - so stellten sich Zeitgenossen in den 50er Jahren Terassenleben im Haus der Zukunft vor.

© plan59.com

Welcome to Metropolis - die Zukunft des Wohnens

Neom. So heißt die Stadt der Zukunft. Das klingt ein bisschen nach Kapitän Nemo in Jules Vernes Unterwasser-Abenteuer „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“. Und ähnlich fabelhaft muss man sich diese Stadt wohl auch vorstellen.

Entstehen soll Neom im Nordwesten von Saudi- Arabien, auf einem Areal von 26.500 Quadratkilometern und damit größer als Mecklenburg-Vorpommern. Supermärkte kennen die Einwohner dort nicht mehr, weil alles nach Hause geliefert wird. Und auch ansonsten präsentiert sich die Stadt der Zukunft ziemlich smart. Als ein Ort Künstlicher Intelligenz, der mehr Roboter als Menschen beherbergt, seinen Energiebedarf zu hundert Prozent aus Wind und Sonne deckt und alle Dienstleistungs- und Industrieprozesse weitgehend automatisiert hat.

Hinter dem ehrgeizigen Projekt (Investitionsvolumen bis 2030: 500 Milliarden Dollar) steht Mohammed bin Salman, der Kronprinz des Landes. Und realisieren soll seinen Traum ein Deutscher: Klaus Kleinfeld, ehemaliger Siemens-Chef und zuletzt an der Spitze des amerikanischen Aluminiumkonzerns Alcoa tätig.

Die geplante Mega-City ist Teil der Modernisierungsoffensive, mit der die Saudis den großen Sprung nach vorne schaffen wollen – hin zu einem Wirtschaftswunderland, das auch ohne Petrodollars überleben kann. Deshalb heißt die Stadt auch Neom – abgeleitet aus dem griechischen „neo“ für neu und der arabischen Vokabel für Zukunft, „mustaqbal“. Ein neuer Superlativ im Wortschatz des saudischen Prinzen, der den Superlativ über alles liebt und Neom zur sichersten, effektivsten und zukunftsweisenden Mega-Stadt der Welt machen will. Zu einem Ort für die „Träumer dieser Welt“, wie er es ausdrückt.

Davon haben freilich auch schon andere geschwärmt – etwa die Nachbarn im Emirat Abu Dhabi, die 30 Kilometer östlich vom Regierungssitz die erste „CO2-neutrale Wissenschaftsstadt“ Masdar City errichten wollten. Heute liegt ihr Projekt relativ brach, ein Opfer der Weltwirtschaftskrise 2008.

Ist die Öko-Metropole der Zukunft also bloß auf Sand gebaut? Und Masdar die erste „grüne Geisterstadt der Welt“, wie der britische Guardian süffisant titelte? Christian Rauch, Geschäftsleiter im Frankfurter Büro des Zukunftsinstituts, glaubt das nicht. „Um die Ballungszentren der Welt attraktiv zu halten, ist ein Update der Städte unumgänglich“, sagt er.

Schon heute lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, die dem ungebremsten Zuzug kaum noch standhalten. 59 Minuten am Tag stehen die Einwohner von Mexico City im Stau. In Istanbul sind es 46 Minuten, in Köln immerhin 34 Minuten. Der längste Stau der Welt wurde 2014 im Feierabendverkehr von São Paulo gemessen: 344 Kilometer lang.

Und es kommt wohl noch schlimmer, nicht unbedingt in Deutschland, wo der Urbanisierungsprozess weitgehend abgeschlossen ist, aber in den aufstrebenden Ländern wie China, in Afrika oder in Südamerika. Bis 2050, so die Prognose der Vereinten Nationen, werden bereits zwei von drei Erdenbürgern in Metropolen leben. Mit noch mehr Smog, noch mehr Lärm und noch mehr Abgasen. Kein Wunder deshalb, dass die Stadtplaner weltweit nach Alternativen suchen:

  • In der Nähe von Ulan-Bator, einer der schmutzigsten Hauptstädte der Welt, wollen Architekten bis 2024 Maidar Eco City errichten – eine Kolonie der kurzen Wege, die auf den Individualverkehr weitgehend verzichtet und so grün wie Waldmeister werden soll.
  • In Toronto plant die Google-Konzernsparte Sidewalk Labs ein ähnlich smartes Stadtviertel – mit selbst- fahrenden Großraumfahrzeugen und einem unterirdischen System von Müllrobotern, die den Abfall außer Sichtweite der Bewohner abtransportieren.
  • Und auch in China ist Asphalt und Beton nicht mehr die alleinige Lösung. Liuzhou Forest City heißt der moderne Gegenentwurf im Reich der Mitte. Eine Stadt, die nach Plänen des italienischen Star-Architekten Stefano Boeri zu einer Art Dschungelparadies werden soll – mit begrünten Hochhäusern, die mehr Bäumen als Menschen Lebensraum bieten.

Alles Beispiele dafür, wie die Stadt der Zukunft aussehen könnte. Unsere Wohnungen, sagt der „Future Living Report“ des Elektronikkonzerns Samsung voraus, werden wir im 22. Jahrhundert in „Super-Hochhäusern“ beziehen, „gebaut aus Kohlenstoff-Nanoröhren“, die sehr viel weiter in den Himmel ragen als der gerade im Bau befindliche Jeddah Tower in Saudi-Arabien, der nach seiner geplanten Fertigstellung 2019 als dann höchstes Gebäude der Welt mit stolzen 1007 Meter Gesamthöhe an den Wolken kratzen wird. Für die darauffolgende Generation der Skyscraper braucht es dann noch nicht einmal mehr einen Lift, weil Drohnen-Taxis die Bewohner auf den Terrassen ihrer Wolkenkuckucksheime absetzen werden, in deren Inneren sie ein vollautomatisiertes Smart Home erwartet. Mit Wänden aus riesigen Displays, die den Tapetenwechsel auf Knopfdruck erledigen. Und ausgestattet mit Möbeln, die jeder nach Belieben wechseln kann. „Ganze Einrichtungen werden wir in einer Art Domestic Facebook hochladen und mit dem 3D-Printer ausdrucken“, sagen die Samsung-Autoren in ihrem Zukunftsreport voraus.

Für einen Mann wie Vincent Callebaut ist das schon heute keine Science-Fiction mehr. Erst jüngst präsentierte der belgische Architekt einen Wiederaufauplan für das kriegszerstörte Mossul. Sein Vor- schlag: „The 5 Farming Bridges“. Wo heute noch die Narben des Terrors allgegenwärtig sind, will er eine surreale Brückenlandschaft mit Wohngebäuden über den Tigris spannen. Ganz ohne Schubkarren und Maurer, denn die Arbeiten sollen spinnenartige Roboter erledigen, die mit Drohnen aus der Luft beliefert werden und aus dem Steinschutt der zerbombten Stadt ganz einfach neue Häuser ausdrucken.

Zugegeben, das klingt ziemlich verrückt. Und auch ein bisschen nach PR-Gag. Aber als genauso verrückt hätten wohl die meisten Bauherren aus Wanne-Eickel noch vor kurzem die Vorstellung abgetan, dass auf den Maschinen des 3D-Druck-Spezialisten Eos in Krailing heute jedes Jahr Zahnersatz für Millionen Patienten entsteht. Auf der Größe eines Schachbretts, mit der die Dentisten im Land ihre Kronen und Inlays ausdrucken und sich die Zahntechniker von einst sparen. So betrachtet, ist dann auch die Vision von 3D-Robotern, die Häuser oder gar ganze Städte ausdrucken könnten, vielleicht nicht mehr ganz so utopisch.

Erntedankfest: So sollte um 1970 die zukünftige Landwirtschaft aussehen - Maschinen streichen über Band-Felder, Vieh lebt in computergesteuerten Silos

© Günter Radtke, aus dem Buch: "Zukunft - Das Bild der Welt von morgen" (gescanntes Material)

Meat the Future - die Zukunft der Ernährung

Thomas Robert Malthus war ein anglikanischer Pfarrer in der Grafschaft Surrey südlich von London, doch seine Botschaft klang alles andere als barmherzig.

„Ein Mensch, der in einer schon okkupierten Welt geboren wird“, schrieb er, „hat nicht das mindeste Recht, irgendeinen Teil von Nahrung zu verlangen.“ Er sei bloß einer „zu viel auf der Erde“.

Gerade mal eine Milliarde Menschen zählte die Weltbevölkerung, als Malthus 1798 seinen düsteren Essay on the Principle of Population veröffentlichte. Hungersnöte schienen ihm unausweichlich, weil die Nahrungsmittelproduktion mit dem Tempo der Bevölkerungsentwicklung auf Dauer nicht mithalten könne. Und heute? Teilen sich bereits 7,5 Milliarden Erdenbürger den Planeten. Und es dürften bald noch sehr viel mehr sein. 11,2 Milliarden im Jahr 2100, wenn sich die Prognosen der Vereinten Nationen bewahrheiten.

Wird der britische Pfarrer und spätere Professor für Nationalökonomie am Ende also doch noch Recht behalten? Droht der kollektive Kollaps, weil die Menschheit ihre eigene Vermehrung nicht in den Griff bekommt? Nicht, wenn es nach dem niederländischen Forscher und Gefäßmediziner Mark Post geht. Der präsentierte bereits vor gut vier Jahren eine Rindfleisch-Bulette, ohne dass dafür ein einziges Tier hatte sterben müssen. Seine Hamburger-Füllung züchtete er ganz einfach in der Petrischale im Labor, mit isolierten Stammzellen aus dem Muskelgewebe von Kühen.

250.000 Dollar hat seine Frikadelle gekostet, aber eine industrielle Fertigung vorausgesetzt, könnte das In-vitro-Fleisch schon bald genauso günstig sein wie das beim Metzger um die Ecke. Und auch gesünder, tiergerechter und ökologischer. Denn für das Laborfleisch braucht es weder Antibiotika und Massentierhaltung noch übermäßigen Landverbrauch. „Aus einer lebendigen Kuh“, sagt Post, „kann man genug Stammzellen gewinnen, um ein kleines Land zu ernähren.“

Das ist seine Antwort auf das Welternährungsproblem der Zukunft: Meat the future sozusagen. Für die Freunde argentinischer Rindersteaks mag diese Vision kulinarisch etwas zweifelhaft klingen, aber Start-ups in den Niederlanden und den USA arbeiten bereits sehr ernsthaft daran, ihre In-vitro-Produkte in die Supermärkte zu bringen. Selbst Wiesenhof-Produzent PHW, der größte Geflügelzüchter Deutschlands, hat gerade erst eine Minderheitsbeteiligung an dem israelischen Kunstfleischproduzenten Supermeat erworben. Sie alle eint die Hoffnung, die der britische Selfmade-Milliardär und Investor beim Silicon-Valley-Anbieter Memphis Meats, Richard Branson, so beschreibt: „Ich glaube, in 30 Jahren werden wir es nicht mehr nötig haben, ein Tier zu töten. Das Fleisch wird sauber hergestellt sein, genauso gut schmecken und viel gesünder sein.“ So wird die Speisekarte der Zukunft wohl noch um ein paar Spezialitäten länger. Neben In-vitro-Fleisch könnten dann auch Grillen und Heuschrecken die Schnitzel und Steaks von den Tellern verdrängen, weil sie sich als hochwertige Proteinlieferanten weit leichter halten lassen als Rinder oder Schweine. Experten der Welternährungsorganisation FAO schätzen, dass Insekten bereits heute mehr als zwei Milliarden Menschen weltweit ernähren. Bisher nur sehr selten in Europa, dafür aber umso mehr in Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas.

Welche neuen Wege die Nahrungsmittelproduzenten darüber hinaus beschreiten, lässt sich derzeit in London besichtigen, 33 Meter tief unter der Shopping-Meile der Clapham High Street. In einem ehemaligen Luftschutzbunker betreibt die Firma Zero Carbon Food Landwirtschaft. Die Pflanzen wachsen auf Wollmatten unter LED-Röhren, die das Sonnenlicht ersetzen. Eine Art Kellerdisko für Sprösslinge mitten in der Millionen-Metropole, was die langen Transportwege zu den Konsumenten überflüssig macht und den Kohlendioxidausstoß reduziert. Zero Carbon Food eben, Essen ohne Schadstoffe.

Urban Farming nennen sich diese Konzepte, die auf den US-Wissenschaftler Dickson Despommier zurückgehen. In seinem Buch „The vertical farm“ erklärte er bereits 2010, wie Gewächs-Hochhäuser die Versorgung der Menschen in den Mega-Städten der Zukunft sicherstellen könnten. Ansatzweise sind seine Ideen mittlerweile Wirklichkeit geworden – nicht nur in London, sondern auch in Berlin, wo die Start-up-Gründer Christian Echternacht und Nicolas Leschke auf dem Gelände einer ehemaligen Mälzerei Aquaponik betreiben: Fischaufzucht, kombiniert mit Gemüseanbau. Tomaten und Salat werden auf ihrer ECF (Eco Friendly Farming) genannten Großstadtfarm mit dem nährstoffreichen Wasser aus der Fischzucht optimal versorgt und gedüngt. Ein intelligentes Kreislaufsystem, das den Wasserverbrauch gegenüber traditionellen Anbaumethoden in der Landwirtschaft um bis zu 90 Prozent verringert. Antibiotika und Pestizide sind tabu, und so können Barsch und Basilikum in trauter Nähe ökologisch wachsen.

Immerhin 30 Tonnen Fisch und 400.000 Kräutertöpfe produzieren Echternacht und Leschke pro Jahr. Etwa für Abnehmer wie die Supermarktkette Rewe, die in den Märkten der Region und neuerdings auch in ihrem Online-Store „Hauptstadt-Basilikum“ und „Hauptstadt-Barsch“, made by ECF, vertreibt. Aber das ist für die beiden Gründer nur der Anfang. „Mit unserer Farm in Berlin haben wir bewiesen, dass Aquaponik wirtschaftlich funktioniert“, sagt Leschke. „Jetzt expandieren wir mit der Idee ins europäische Ausland.“

So ist in Brüssel, auf dem Dach eines alten Schlachthofs, gerade erst eine neue Aquaponik-Anlage nach dem Berliner Vorbild in Betrieb gegangen. Weitere Anlagen in Frankreich, Luxemburg und Italien sind in Planung. „Die Vision, die uns antreibt, ist der selbstproduzierende Supermarkt für die Großstadt“, sagt Leschke. „Ein Ort, an dem Lebensmittel ressourcenschonend produziert werden können. Wohnortnah, ohne zusätzlichen Landverbrauch, lange Kühlketten und Transportwege.“

Alles in allem also nicht die schlechtesten Voraussetzungen dafür, dass Thomas Robert Malthus mit seiner düsteren Prognose am Ende doch nicht Recht behalten muss. Ohnehin würden die schon heute produzierten Lebensmittel reichen, um alle Menschen zu ernähren. 1,3 Milliarden Tonnen Essen landen nach Angaben der FAO jedes Jahr auf dem Müll – ein Drittel der gesamten Produktion und genug, um den Hunger der wachsenden Weltbevölkerung zu stillen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Erst todkrank, dann putzmunter: Noch Anfang der 60er Jahre glaubten Mediziner, alle Krankheiten bald besiegen zu können - etwa dank Radiumtherapie.

© plan59.com

Humans at Work - die Zukunft der Arbeit

Berufsalltag im 22. Jahrhundert. Sachbearbeiter auf den Fluren der Verwaltungszentralen: gibt es nicht mehr. Der allmorgendliche Stau auf dem Weg ins Büro: ebenfalls abgeschafft.

Nur verbunden über computergenerierte Hologramme mit absolut realistischer 3D-Optik, werden sich die Angestellten der Zukunft in den Arbeitsplatz ihrer Kollegen beamen, um das nächste Projekt auf den Weg zu bringen – jeder von seinem eigenen Zuhause aus, völlig flexibel, mal in diesem, mal in einem anderen Team. So oder ähnlich beschreiben die Visionäre die Arbeitswelt von morgen.

Allerdings verraten sie in ihren einschlägigen Beiträgen leider nicht, womit sich die Menschen im Jahr 2118 überhaupt noch beschäftigen werden. Gibt es in dieser Welt noch Rechtsanwaltsgehilfen, die ihre Akten wälzen? Oder Anlageberater, die Bilanzen analysieren, um für ihre Kunden das optimale Wertpapier-Portfolio zusammenzustellen?

Mit absoluter Sicherheit kann das natürlich keiner prognostizieren, aber dass die Jobs von heute im 22. Jahrhundert noch existieren, scheint den meisten Beobachtern eher unwahrscheinlich. „In unserem Szenario gehen wir davon aus, dass die Hälfte aller heutigen Arbeiten bis 2055 automatisiert sein wird“, sagt James Manyika, Direktor des Global Institutes der Unternehmensberatung McKinsey. Mit anderen Worten: Jeder zweite Arbeitsplatz wird in naher Zukunft durch die Künstliche Intelligenz der Roboter ersetzt.

Was natürlich die Frage aufwirft, welche Arbeit den Menschen dann noch bleibt. Wer wird ihre Gehälter bezahlen, wenn der Algorithmus alles erledigt? Wie sollen die Rentenkassen ihre Senioren alimentieren, wenn Nanotechnologie und regenerative Medizin das 80 zum neuen 50 machen? Muss dann eine Art Maschinensteuer für Roboter, wie sie etwa Postchef Frank Appel schon Mitte 2016 ins Gespräch brachte, die Lasten schultern? Oder sind die Ängste einer Gesellschaft, der die Arbeit ausgeht, mal wieder völlig übertrieben? Ein Blick in die Geschichte lehrt, dass bisher stets neue Jobs entstanden sind, wenn alte nicht mehr gebraucht wurden. So haben die schlesischen Textilarbeiter ihre Beschäftigung Mitte des 19. Jahrhunderts zwar genauso verloren wie knapp 150 Jahre später die Schriftsetzer in den Druckereien. Doch der Gesellschaft als Ganzes ist die Arbeit deshalb nicht ausgegangen. Sie ist sogar noch sehr viel mehr geworden.

„Das ist allerdings kein Naturgesetz, und es ist keineswegs garantiert, dass es auch in Zukunft so sein wird“, sagt der israelische Historiker Yuval Noah Harari.

Denn diesmal geht es um weit mehr, als nur einfache manuelle Tätigkeiten durch Maschinen zu ersetzen. Nicht nur Berufskraftfahrer, Tischler oder Mechatroniker zählen zu den bedrohten Arten, sondern auch Fondsmanager, Anwälte und sogar Ärzte, weil selbstlernende Computersysteme die zu verarbeitenden Daten schneller analysieren, als ein Mensch blinzeln kann. Selbst die Kunst als vornehmster Zufluchtsort menschlicher Kreativität scheint vor der Macht der Maschinen nicht mehr sicher. So hat David Cope, ehemaliger Professor für Musikwissenschaft an der University of California in Santa Cruz, in einem Wettstreit zwischen menschlichen und artifiziell erzeugten Tönen bewiesen, dass Computerprogramme heute ebenso gut Opern und Symphonien komponieren können wie Bach, Beethoven oder Chopin. Sehr zur Überraschung des Publikums, das über die Quelle der Musik im Ungewissen gelassen wurde und im Anschluss ausgerechnet jenen Werken „große Beseeltheit“ attestierte, die von Robotern geschriebenworden waren.

Wie also kann der Mensch in Zukunft noch mit Maschinen konkurrieren, die ihn im Schach oder im ungleich komplizierteren asiatischen Strategiespiel Go längst geschlagen haben? Die Antwort von Tesla- Gründer Elon Musk klingt ebenso futuristisch wie für so manche Zuhörer wohl auch erschreckend. Auf dem Weltregierungsgipfel in Dubai sagte er im Februar 2017, dass die Menschen, sofern sie in Zukunft noch eine nennenswerte Rolle spielen wollten, ihre Fähigkeiten durch eine „Verschmelzung von biologischer und maschineller Intelligenz“ erweitern müssten. „Tun wir das nicht“, so Musk, würden wir riskieren, zu „Hauskatzen für die Künstliche Intelligenz zu werden“.

Der Cyborg also, die Koppelung von Mensch und Maschine. Eine Figur, die bisher nur in Science- Fiction-Filmen à la „Terminator“ eine Rolle spielte, aber jetzt ganz langsam auch auf die Bühne der Wirklichkeit drängt. Das lässt sich vielleicht nirgends besser beobachten als in der Welt des Sports.

Sagenhafte 8,40 Meter schaffte der unterschenkelamputierte Leichtathlet Markus Rehm im Weitsprung bei den Weltmeisterschaften der Behinderten 2015 in Doha. Ein neuer Rekord in seiner Klasse T 44, der bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 für Gold gereicht hätte. Gern wäre Rehm mit dem deutschen Kader dort selbst an den Start gegangen, aber die Statuten des Weltleichtathletikverbandes verhinderten seine Teilnahme.

Die Wettkampfregeln besagen, dass der „Gebrauch irgendeiner mechanischen Hilfe“ verboten ist, sofern der Athlet nicht schlüssig nachweisen kann, dass eben diese Hilfe ihm „in der Gesamtschau keinen Wettbewerbsvorteil“ gewährt. So drücken es die Juristen aus. Und die Sportkameraden auf dem Sportplatz? Die sagen: „Dank eurer Hightech-Prothesen seid ihr im Vorteil. Ihr springt wie die Kängurus und lauft schnell wie Geparden.“

So weit sind wir also schon. Die Behinderung, die sich mit Hilfe der Technik zum Vorteil wandeln lässt und die Verbesserung eines quasi defizitären Naturzustands verspricht. Genau diese Möglichkeiten hat Bestseller-Autor Harari im Blick, wenn er prognostiziert, dass die Medizin im 21. Jahrhundert nicht wie in der Vergangenheit nur noch darauf abzielen wird, Kranke zu heilen, sondern „die Gesunden zu optimieren“.

Erste zarte Ansätze dazu sind schon in der praktischen Erprobung. Etwa bei Audi, wo sogenannte Exoskelette helfen, die körperlichen Belastungen für die Mitarbeiter in der Produktion abzufedern. Keineswegs, so versichert Vinzent Rudtsch, Logistikplaner und Leiter des Projekts bei dem Ingolstädter Autobauer, gehe es beim Einsatz dieser ergonomischen Ganzkörper-Stützstrukturen um Leistungssteigerung, sondern ganz im Gegenteil um ein Weniger an Last. „Wir ermöglichen den Mitarbeitern damit ein gesundes Arbeiten, vermeiden Überbelastungen und erhalten ihre Leistungsfähigkeit“, sagt er.

Für Beobachter wie Harari geht es indessen schon um sehr viel mehr. „Wir stecken heute nahezu in denselben Körpern und Gehirnen fest wie unsere Vorfahren in der Steinzeit vor 50.000 Jahren“, sagt er. „Aber bald werden wir nicht nur immer bessere Autos herstellen, sondern auch neuartige und bessere menschliche Körper ... Das wird die größte Revolution seit Beginn des Lebens auf unserem Planeten."