BayernLB

Ran an die Bücher

Seit 125 Jahren handelt Hugendubel mit dem gedruckten Wort. Wie sich eines von Deutschlands größten inhabergeführten Buchhandelsunternehmen für die Zukunft des Lesens rüstet. Von Ute Klein

In fünfter Familiengeneration: Maximilian Hugendubel führt gemeinsam mit seiner Schwester Nina die Geschäfte. Ihr Konzept: der Buchladen als Treffpunk

© Regina Recht

München, 1. August 2017. Das Thermometer klettert auf 35,8 Grad. Biergarten- und Schwimmbadwetter. Aber nicht für wahre Bücherfans. Die versammeln sich an diesem Tag vor einem anderen Hotspot der Stadt. Am Marienplatz, mitten in der guten Stube der Münchner, feiert einer der traditionsreichsten Buchhändler Deutschlands seine Wiederauferstehung.

Hugendubel, 1893 gegründet und heute in fünfter Familiengeneration geführt, ist wieder da. Die Stimmung ist freudig gespannt, fast schon volksfestmäßig, als Nina und Maximilian Hugendubel das rote Band durchschneiden und den Eingang zu ihrer neu gestalteten Filiale freigeben. ,,Schön, dass Sie wieder da sind", lauten die Kommentare der Bücherfreunde, als sie den Laden zum ersten Mal betreten. Denn zuvor sah es fast danach aus, als müsste das Traditionsunternehmen nach Schließung des Stammhauses am Salvatorplatz auch diesen Standort räumen. Ausgerechnet hier, wo Vater Heinrich Hugendubel 1979 das erste Buchkaufhaus der Republik auf gut 2.000 Quadratmetern in Betrieb nahm.

Eine Art Neuanfang ist die Filiale am Marienplatz. Und was für einer. Nachdem die Öffentlichkeit schon fürchtete, Hugendubel könne im Zuge der Weltbild-Pleite 2014 durch die damals noch gemeinsame Holding womöglich mit in den Strudel der Insolvenz gerissen werden, stehen die Zeichen jetzt wieder auf Wachstum.

Eine Rolltreppe führt die Kunden in der neu gestalteten Filiale am Marienplatz in die offenen, hellen Räume im ersten und zweiten Stock, wo Sofas und Sessel zum Lesen und Verweilen einladen. „Wir wollen, dass sich die Kunden gerne bei uns aufhalten und sich ungestört mit Gleichgesinnten und unseren Buchhändlern austauschen können, sagt Maximilian Hugendubel. Das integrierte Caféhaus trägt diesem Anspruch Rechnung, zumal die Kunden mit ihrem Cappuccino wirklich durch das ganze Geschäft flanieren dürfen. „Das ist uns sehr viel wichtiger als die Gefahr, dass auch mal ein Kaffee verschüttet wird“, sagt der gelernte Buchhändler und Jurist.

Der Vielleser und Jurist

Maximilian Hugendubel absolvierte nach seinem Abitur eine Buchhandelslehre und schloss sein Studium der Rechtswissenschaften in München und Fukuoka/Japan mit Promotion zum Dr. jur. 1998 ab. Danach war er drei Jahre lang bei der Unternehmensberatung Bain & Company tätig, bevor er 2001 in das Familienunternehmen eintrat und 2003 dann gemeinsam mit seiner Schwester Nina die strategische Leitung der Firma übernahm. Der ganz persönliche Literaturtipp des bekennenden Viellesers und Buchexperten: „Cox oder Der Lauf der Zeit“. Ein farbenprächtiger Roman des österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr, der in seinem Buch von einem maßlosen chinesischen Kaiser und einem englischen Uhrmacher erzählt.

Hugendubel am Münchner Marienplatz: Das Filialkonzept kommt so gut an, dass es auch bei weiteren Standorten zum Tragen kommen soll.

© Hugendubel

Sehr konsequent führen die Geschwister Hugendubel am Marienplatz fort, was ihr Vater hier einst begonnen hat. „Lasst die Leute ran an die Bücher“, hat der Senior gerne gepredigt. Zu einer Zeit, als Buchregale und Kunden noch durch lange Verkaufstresen getrennt waren. Seine Idee von einem Bücherkaufhaus ohne Barrieren erweitern seine Kinder jetzt um ein Konzept, mit dem der Buchladen zum echten Treffpunkt wird. Und auch zu einer Art Entdeckungsreise. Denn wer erst einmal drin ist im Laden, findet in aller Regel auch das passende Buch.

Literatur so zu präsentieren, dass die Leser beim Stöbern zwischen den Regalen und Auslagen auf Titel stoßen, die genau ihrem Interesse entsprechen, ihnen zuvor aber völlig unbekannt waren, definiert Maximilian Hugendubel als die hohe Schule des Buchhandels. „Bestseller verkaufen kann jeder“, sagt er. „Die Kunst besteht darin, auch die vier bis fünf angrenzenden Bücher zu verkaufen.“

Das neue Filialkonzept kommt bei den Kunden so gut an, dass es auch bei der Modernisierung oder Neueröffnung von weiteren Standorten in ganz Deutschland jetzt zum Tragen kommen soll, in Stuttgart, Berlin, Konstanz oder im hessischen Viernheim. Auch die Filiale am Stachus wird bis Ende 2018 erneuert. „Mit der Kundenbrille auf der Nase“ , wie es Maximilian Hugendubel formuliert. „Wir sind davon überzeugt, dass der stationäre Handel auch heute noch seine Berechtigung hat“, sagt er. „Beides ergänzt einander, Online- wie Filialgeschäft. Das eine bedient unsere Ungeduld und Bequemlichkeit beim Einkaufen. Das andere unser Bedürfnis nach Atmosphäre, Erlebnis und Austausch. Wir werden deshalb auch künftig daran festhalten, unsere Bücher in die Innenstädte zu bringen.“

Lasst die Leute ran an die Bücher: Heinrich Hugendubel eröffnet 1979 in München das erste Buchkaufhaus Deutschlands

© Hugendubel

Bücherverkauf gestern: Seit 125 Jahren handelt Hugendubel mit Literatur. In München im Stammhaus am Salvatorplatz

© Hugendubel

Damit stellt sich der BayernLB-Kunde Hugendubel einer Herausforderung, die den Einzelhändlern im Land über alle Branchen hinweg regelmäßig die Sorgenfalten ins Gesicht treibt: die rückläufige Käuferfrequenz in den Innenstädten. „Das ist ein Thema, das uns wirklich umtreibt“, sagt Maximilian Hugendubel. „In den restlichen Bereichen läuft es gut für uns. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und können im Internet und in unseren anderen Geschäftsfeldern die Umsatzrückgänge in den Innenstädten auffangen. Doch das Problem der rückläufigen Käuferfrequenz können wir nicht alleine lösen.“

Minus zwei Prozent im Publikumsmarkt inklusive E-Commerce und sogar minus drei Prozent im stationären Geschäft, das ist die bittere Bilanz, mit der die Branche für 2017 rechnet. Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins, erklärt die Entwicklung damit, dass die „sozialen Medien mit ihrer hohen Kommunikationsdichte die Zeitbudgets der Nutzer immer stärker beanspruchen“. ,,Rückläufige Kundenfrequenzen in den Innenstädten“, sagt er, „führen weniger Käufer in die Buchhandlungen vor Ort.“ Stellvertretend für die Geschäftsinhaber im Land fordert er deshalb, dass sich die Kommunen „verstärkt für vitale Innenstädte und einen starken Einzelhandel einsetzen" müssten.

Nur ist das eben leichter gesagt als getan. Und so lange will Maximilian Hugendubel auch nicht warten. Stattdessen setzt er lieber auf Multichanneling, das Verkaufen auf allen Kanälen. Die erst im November eingeführte ,,Karte fürs Lesen" zahlt auf diese Strategie ein. Innerhalb von nur drei Wochen hatten sich bereits 100.000 Kunden für die neue Multichannel-Karte des Unternehmens entschieden. Ein Angebot, das sie mit individualisierten Lese-Tipps versorgt, Vorabinfos liefert und Ermäßigungen für Lesungen und andere Hugendubel-Veranstaltungen garantiert – über ein Konto jederzeit online einsehbar und kombiniert mit „Lesepunkten“, die Hugendubel bei jedem Einkauf gutschreibt und gegen Sachprämien eintauscht.

Zimmer mit Aussicht: Die Hugendubel-Filiale am Marienplatz liegt mitten in der guten Stube der Münchner - direkt gegenüber vom Rathaus

© Regina Recht

Auch die internen Prozesse wollen die beiden Gesellschafter vor dem Hintergrund der fortschreitenden Verzahnung der Vertriebskanäle Filiale, Online und Digital noch enger zusammenführen und haben neben der strategischen deshalb verstärkt die operative Leitung übernommen. Das Ziel: Stringenz in der Ausrichtung des Unternehmens sowie der Unternehmensmarke. Seit Mitte 2017 führt Maximilian Hugendubel auch das Filialgeschäft, seine Schwester Nina zusätzlich das Großkundengeschäft.

Selbst wenn Hugendubel hauptsächlich als Buchhändler für Privatpersonen wahrgenommen wird, ist das Großkundengeschäft mittlerweile ein echter Umsatzbringer und nach Online der am zweitstärksten wachsende Kanal. Die dafür zuständige Hugendubel Fachinformationen GmbH fungiert als Servicedienstleister, etwa für Bibliotheken, Verwaltungen, Hochschulen und Unternehmen. Sie alle können gedruckte und digitale Medien sowie Fachinformationen bei Hugendubel ordern - auf Wunsch recherchiert, ausgewählt und aufbereitet.

Die Filiale bleibt allerdings auch in diesem Geschäftsfeld die zentrale Begegnungsstätte mit dem Kunden. „Rechtsanwälte oder Bibliotheken betreuen wir aus unseren Läden heraus, um die Auslastung zu erhöhen", sagt Maximilian Hugendubel. „Für unsere sehr großen Kunden unterhalten wir eine eigene Vertreter-Organisation.“ Der Kundenvorteil in beiden Fällen: Zugang zu einem Online-Portal mit einem sehr breiten Sortiment von 21 Millionen nationalen und internationalen Titeln, eine kompetente Markteinschätzung und ein logistisches Netzwerk von mehr als 100 Filialen mit persönlichen Ansprechpartnern in der Nähe. Cross-Channeling also auch im Großkundengeschäft.

Die Welt der Bücher

Die Buchhandlung Heinrich Hugendubel GmbH & Co. KG wurde 1893 von Heinrich Karl Gustav Hugendubel in München gegründet. Heute betreibt das Unternehmen deutschlandweit mehr als 100 Filialen – darunter gut 30 Karstadt-Shop-in-shops –, die Hugendubel Digital GmbH & Co. KG für das Online- und Digitalgeschäft sowie die Hugendubel Fachinformationen GmbH für das Großkundengeschäft. Mit 1.700 Mitarbeitern ist Hugendubel eines der größten inhabergeführten Buchhandelsunternehmen Deutschlands. Die strategische Leitung des Familienunternehmens liegt in fünfter Generation in den Händen der Geschwister Nina (47) und Maximilian Hugendubel (49). Im Jahr 2016 erwirtschaftete ihr Unternehmen einen Umsatz von rund 340 Millionen Euro.

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Und das ist bei weitem nicht die einzige Maßnahme, mit der sich Hugendubel für die Zukunft rüstet. Einen richtiggehenden Coup hat das Unternehmen mit seinem eReader tolino gelandet. Hinter der Marke steht eine Allianz der führenden deutschen Buchhändler Thalia, Weltbild, Mayersche Buchhandlung, Osiander sowie Libri mit seinen rund 1.500 angeschlossenen unabhängigen Buchhandlungen in ganz Deutschland. Und natürlich Hugendubel selbst als einer der tolino-Initiatoren.

Technologiepartner war zunächst die Deutsche Telekom, seit mehr als einem Jahr ist es der internationale E-Book-Spezialist Rakuten Kobo. Mit deren Hilfe hat sich die tolino-Allianz seit Markteintritt im März 2013 zum ernstzunehmenden Kindle-Konkurrenten von Branchenführer Amazon entwickelt. 40 Prozent Marktanteil reklamiert das tolino-System heute für sich und ist außer in Deutschland auch in Österreich, der Schweiz, Belgien, Italien und den Niederlanden als Service verfügbar.

Zwar machen E-Books ohne Schul- und Fachbücher laut der Statistik des Börsenvereins derzeit nur etwa 4,6 Prozent vom Branchenumsatz (2016: 9,28 Milliarden Euro) aus, doch es dürften bald noch sehr viel mehr werden. „Bei uns liegt der E-Book-Umsatz etwas höher“, sagt Maximilian Hugendubel. „Aber diese Durchschnittszahlen sind ohnehin nicht besonders aussagekräftig. Wenn man sich die einzelnen Sortimentsgruppen ansieht, liegt der Anteil bei Kochbüchern bei null, während es bei Krimis und Liebesromanen in der Sommerferienzeit gut und gerne 30 bis 40 Prozent sein können.“ Der große Schub, davon ist Hugendubel fest überzeugt, kommt noch. Wenn sich erst einmal technische Innovationen wie etwa der Farb-Reader durchgesetzt haben, wird der E-Book-Markt noch stärker an Bedeutung gewinnen. Das bestätigt auch eine Trendstudie der Beratungsgesellschaft pwc, die dem Segment bis 2020 ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 12,9 Prozent bescheinigt. 1,755 Milliarden Euro sollen die digitalen Bücher dann einspielen - fast ein Drittel mehr als heute.

Längst läuft auch das Buchhandelsgeschäft selbst nicht mehr ohne Digitalisierung. Die Informationstechnologie ist in dem immer komplexer werdenden Medienmarkt mittlerweile von überragender Bedeutung, auch bei Hugendubel. Jeder Prozess, angefangen von der Buchbestellung über die Preisauszeichnung bis hin zur Remission, ist heute voll automatisiert. Um die IT-Abteilung noch besser auszulasten, hat Maximilian Hugendubel seine Experten bereits vor 15 Jahren in eine eigene Gesellschaft ausgegliedert – mit separater Gewinn- und Verlustrechnung und derzeit 60 Mitarbeitern. Für ihn eine seiner besten Entscheidungen überhaupt. Hugendubel: „Dadurch konnten wir ein florierendes Drittkunden-Geschäft aufbauen, hatten aber gleichzeitig Zugriff auf eine leistungsfähige IT. Zum Beispiel als es darum ging, auf den in den Läden verwendeten iPads unseren Katalog mit einer Million lieferbaren Titeln inklusive Cover abzubilden. Wenn Sie so etwas an dritter Stelle einkaufen müssen, wird es ganz schnell sehr schwierig und teuer.“

So hat Hugendubel alle Weichen gestellt, um sein Geschäft für die Zukunft zu rüsten. Im stationären Handel, im E-Book-Geschäft und auch in Sachen IT. „Die Ideen“ , sagt Maximilian Hugendubel, „werden uns auch künftig nicht ausgehen. Die Herausforderung besteht darin, diesen Flohzirkus zusammenzuhalten. Aber zum Glück haben wir sehr gute Leute, die uns dabei helfen.“

Zeichen der Zeit

72.820
Bücher erscheinen pro Jahr in Deutschland, aufeinandergestapelt ein Turm von 2.185 Metern Höhe.*

5.946
Einwohner kommen in Göttingen auf eine Buchhandlung. Die Universitätsstadt in Niedersachsen hat damit die größte Buchhandelsdichte der Republik. Auf Platz zwei und drei: Heidelberg und Regensburg.

42
Prozent aller Frauen lesen mehrmals pro Woche in einem Buch. Bei Männern beträgt der Anteil nur 25 Prozent.

64,6
Prozent aller ins Deutsche übersetzten Bücher kommen aus dem englischsprachigen Raum. Aus dem Krimi-Land Schweden stammen nur 2,4 Prozent.

16,30
Euro kostet im Schnitt ein neues belletristisches Hardcover. Im Kinder- und Jugendbuchbereich beträgt der Durchschnittspreis 11,51 Euro.

4,6
Prozent aller verkauften Bücher gehen als E-Book an die Leser.

350.000
Mal hat sich 2017 Maja Lundes Roman ,,Die Geschichte der Bienen" in Deutschland verkauft. Das Romandebüt der Schwedin ist damit der bestverkaufte Belletristik-Titel des Jahres.

Quelle: Börsenverein des deutschen Buchhandels

*Alle statistischen Angaben beziehen sich auf das Jahr 2016, mit Ausnahme der Bestseller-Statistik für 2017.