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Handelskonflikt und Zölle

Zölle sind Gift für den Wohlstand der Nationen. Darin sind sich alle Ökonomen einig. Aber worüber streiten die Politiker dann eigentlich? Der Versuch einer Versachlichung. Von Stefan Schmortte

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Manchmal lohnt ein Blick in das meistverkaufte Buch der Welt, um ein bisschen Klarheit zu gewinnen. Zum Beispiel ins Matthäus-Evangelium, Kapitel 7, Vers 3. Dort spricht Jesus von Nazareth über das Urteilen und Richten. Vom hohen Berg herab verkündet er: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“

Rund 2.000 Jahre sind die Bibelworte alt, aber wer die gegenseitigen Anfeindungen im aktuellen Handelskonflikt noch einmal Revue passieren lässt, könnte fast den Eindruck gewinnen, sie seien erst gestern aufgeschrieben worden. Ohne großes Verständnis für die Gegenseite diskutierten die Kontrahenten ihre Meinungsverschiedenheiten monatelang fast ausschließlich in den Kategorien von Angriff und Verteidigung: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Karate Kid statt Konfuzius.

Alle schienen sie auf den großen Krawall gebürstet – bis EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker Ende Juli nach Washington reiste und mit der frohen Kunde nach Hause zurückkehrte, der Handelskrieg sei abgeblasen. Zumindest vorerst. „Danke, Donald“, sagte Juncker zum Abschluss des überraschend harmonisch verlaufenden Treffens, drückte dem Mann im Weißen Haus noch ein Küsschen auf die Wange und war sich mit ihm einig darin, sie hätten einen „guten Deal“ ausgehandelt – einen sehr guten sogar.

Also alles wieder in Butter? Vergessen der Streit von gestern, als Europas Politiker mit Strafzöllen auf Whiskey aus Kentucky, Motorräder von Harley-Davidson und Jeans aus der Produktion von Levi Strauss Vergeltung für die einseitig verhängten Grenzabgaben der US-Regierung auf Stahl und Aluminium übten? Und EU-Chef Juncker noch zu Protokoll gab: „Was sie tun können, genau dazu sind wir auch in der Lage.“ Vergessen auch die unverhohlene Drohung des US-Präsidenten, Autos aus deutscher Produktion mit Strafzöllen zu belegen, damit künftig kein BMW und auch kein Mercedes-Benz mehr über die 5th Avenue rollt? „Für Entwarnung ist es noch zu früh“, sagt Jürgen Michels, Chefvolkswirt der BayernLB. „Auch bei den Verhandlungen mit den Chinesen sah es kurzzeitig so aus, als würde der Handelskonflikt beigelegt. Bis Trump Mitte Juni dann neue Strafzölle auf asiatische Güter im Volumen von 34 Milliarden Dollar durchsetzte und weitere Schritte ankündigte, diesmal sogar in der Größenordnung von 200 Milliarden US-Dollar.“

Für Europa verheißt das möglicherweise nichts Gutes. „Juncker und Trump haben nur mal gerade eben auf die Pause-Taste gedrückt“, so Michels. Eine Lizenz zum Reden und ein positives Signal inmitten der zuletzt äußerst verhärteten Fronten, mehr aber auch nicht. Wie die Sache letztendlich ausgeht, lässt sich heute kaum abschätzen. Dazu ist Trump nach wie vor viel zu unberechenbar. Sollte der Streit erneut eskalieren, droht im schlimmsten Fall eine globale Rezession. Unberechenbar, das hat Trump in seiner bisherigen Amtszeit zur Genüge bewiesen, agiert der Chef im Oval Office ohne Zweifel. Und auch sein Argument, er wolle mit seinen Zöllen doch nur die nationale Sicherheit Amerikas schützen, so als ginge es hier um Geschäfte mit Waffen, Munition oder spaltbarem Material, mag in der Tat ziemlich fadenscheinig sein. Viel entscheidender jedoch ist die Frage, ob sein Ärger über die Handelspartner in China und Europa nicht vielleicht auch ein Stück weit berechtigt ist.

„Die EU-Kommission sollte besser nicht mit Steinen werfen“, sagt Hans-Werner Sinn, streitbarer Ökonom im Ruhestand und langjähriger Chef des Ifo-Instituts in München. „Es kann nämlich nicht die Rede davon sein, dass Europa ein Hort des Freihandels ist, während in Amerika der Protektionismus grassiert.“ Tatsache sei, „dass die EU Autoimporte aus den USA mit zehn Prozent besteuert, während die USA selbst nur 2,5 Prozent erheben“. Und das ist nur ein Beispielunter vielen: Amerikanisches Schweinefleisch belegt Europa mit 26 Prozent Zoll. Rindfleisch, frisch oder gefroren, sogar mit knapp 70 Prozent.

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Solche Restriktionen lassen Trumps Gegenspieler gerne unerwähnt, wenn sie ihn als „protektionistischen Handelskrieger“ beschimpfen, wahlweise als „dumm“ oder sogar als „verrückt“. „Schuldig“, lautet ihr Urteil über den Mann im Weißen Haus. Denn schließlich ist er es doch gewesen, der den ganzen Streit vom Zaun gebrochen hat. Aber machen es sich Trumps Kritiker damit nicht ein bisschen zu leicht? Hat sich nicht auch schon Amtsvorgänger Barack Obama als Schutzpatron amerikanischer Arbeitsplätze positioniert? Etwa, als er 2012 Chinas Exportwirtschaft geißelte und sagte: „Ich will keine im Ausland hergestellten Windturbinen, Solarmodule oder Batterien. Ich will, dass die bei uns produziert werden.“

Lässt sich dieses Argument einfach so vom Tisch wischen? Und ist Trump wirklich der einzige böse Bube in diesem Spiel? Oder sind die Arterien der globalisierten Warenströme tatsächlich an neuralgischer Stelle etwas verstopft? Und vor allem: Was zeichnet einen im Kern freien Welthandel im Grundsatz denn überhaupt aus? Was darin geht fair und gerecht zu, was ist richtig und was falsch?

Je nachdem, wer welche Statistik zu Rate zieht, kommt dabei zu sehr unterschiedlichen Resultaten. Ein Defizit im Warenhandel von 811 Milliarden Dollar allein im Jahr 2017, davon 153 Milliarden Dollar gegenüber der Europäischen Union. Das ist die Sicht von Donald Trump. Zu einem ganz anderen Ergebnis kommt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ihr Argument: Würde der Kollege im Oval Office neben den gehandelten Produkten auch Dienstleistungen, Primär- und Sekundäreinkommen berücksichtigen (also etwa die Gewinne, die Google in Europa erwirtschaftet), ergäbe sich im transatlantischen Handel sogar ein Plus zugunsten von Amerika. Und zwar in Höhe von rund 14 Milliarden Dollar, pikanterweise eine Zahl, die aus Trumps eigenem Büro für Wirtschaftsanalyse stammt.

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Eigentlich schon kompliziert genug, aber es gibt noch eine dritte Statistik, nämlich von den Eurostat-Experten in Luxemburg. Danach soll die US-Leistungsbilanz in Wahrheit mit 170 Milliarden Dollar im Minus stehen. „Es ist reichlich absurd“, sagt Jens Südekum, Professor am Institut für Wettbewerbsökonomie der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. „Trump beschimpft Europa für dessen Exportüberschuss. Eine amerikanische Statistikbehörde sagt, den gebe es gar nicht. Und dann widerspricht eine europäische Behörde und behauptet, es gebe ihn doch.“ Auf die Frage, welche Zahl denn nun eigentlich stimmt, gibt Südekum zur Antwort: „Keiner weiß es.“

Das Thema ist also äußerst kompliziert und der Streit an sich auch sehr viel älter als die Regierung Trump. Das Problem beschäftigt die Ökonomen seit mehr als 250 Jahren. Adam Smith war es, der in seinem 1776 erschienenen Hauptwerk „The Wealth of Nations“ darlegte, dass sich jedes Land in der Welt besser stellen würde, wenn es nicht ausschließlich für seinen Eigenbedarf produzierte, sondern sich stattdessen auf jene Güter konzentrierte, die es kostengünstiger herstellen kann als seine Nachbarn.

Sein Landsmann David Ricardo fügte diesem Gedanken 40 Jahre später noch ein wichtiges Argument hinzu. Seine Überlegung: Selbst wenn zwei Länder mit unterschiedlichen Produktionsbedingungen konkurrierten, würde das preiswertere Land nicht alle Arbeitszweige an sich ziehen, sondern nur diejenigen mit der höchsten Wertschöpfung. „Komparativer Kostenvorteil“ nannte er sein Modell. Simpel übersetzt: Jeder macht, was er am besten kann, womit er am meisten verdient – und am langen Ende profitieren alle davon.

Im Prinzip gilt dieser Lehrsatz bis heute uneingeschränkt, nur sind die globalen Wertschöpfungsketten mittlerweile so eng miteinander verzahnt, dass eine isolierte Betrachtung rein bilateraler Handelsbeziehungen schnell in die Irre führen kann. Bevor etwa der Handyproduzent Apple seine iPhones beim Auftragsfertiger Foxconn in China zusammenschrauben lässt und von dort aus in alle Welt exportiert, haben die Manager im kalifornischen Cupertino ihre Bildschirme bei Samsung in Südkorea eingekauft, die Speicherchips von Toshiba in Japan bezogen und ihre Sensoren von Bosch in Deutschland oder STMicroelectronics in der Schweiz.

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Ein Strafzoll auf Mobiltelefone aus chinesischer Produktion würde die Lieferanten also rund um den Globus treffen. Und schlussendlich dann auch die Kunden in New York, die für ein iPhone aus Fernost entweder die zusätzliche Grenzsteuer zu entrichten hätten oder für das gleiche Produkt made in America sehr viel mehr zahlen müssten als heute.

Bis zu 100 Dollar würde der Preisaufschlag bei einer Fertigung im eigenen Land betragen. Das haben Forscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT) berechnet. Und deshalb sind sich alle Beobachter auch weitgehend einig darin, dass mit Chinas Beitritt zur World Trade Organization (WTO) im Jahr 2001 sowie mit dem Abbau der Zollschranken die Konsumentenpreise weltweit gesunken sind und der Wohlstand aller dadurch entsprechend gestiegen ist. Lebten im Jahr 1990 noch traurige 1,9 Milliarden Menschen in extremer Armut, sind es heute nur noch 702 Millionen. „Wir sind die erste Generation seit Menschengedenken“, sagt Weltbank-Präsident Jim Yong Kim, der es gelingen könnte, „die extreme Armut auf der Welt zu beenden“.

Das ist die gute Nachricht. Und insofern haben sich die Versprechen der Freihandelsfreunde auch tatsächlich erfüllt. Aber eben nicht überall auf der Welt in gleichem Maße. Den Profiteuren der Globalisierung – etwa in China, wo die Armutsquote in den vergangenen Jahrzehnten besonders drastisch gefallen ist – stehen anderenorts die vermeintlichen Verlierer des freien Warenverkehrs gegenüber, zum Beispiel im sogenannten Rust Belt der Vereinigten Staaten.

Hier schlug einst das Herz der amerikanischen Schwerindustrie, mit ihren Stahlwerken rund um Pittsburgh und den Autokonzernen General Motors, Ford und Chrysler im Großraum Detroit. Doch Motor City ist heute mehr Geisterstadt denn blühende Metropole. Die Arbeitslosenquote liegt mit knapp neun Prozent mehr als doppelt so hoch wie im Rest des Landes. Und die Gewaltverbrechen machen die Stadt an der kanadischen Grenze zu einem der gefährlichsten Orte der USA.

Kein Wunder deshalb, dass der Slogan Donald Trumps „Make America Great Again“ gerade in Krisenregionen wie dieser auf fruchtbaren Boden fällt. Hier hat Trump seine Präsidentschaftswahl gewonnen. Und genau hier stoßen seine Strafzölle gegen den Rest der Welt auf die größte Zustimmung, wenn er seinem Haussender Fox News in die Mikrofone diktiert: „Es ist furchtbar, was sie uns antun.“ Die Europäische Union sei mit ihren Handelspraktiken genauso schlimm wie China, „nur etwas kleiner“.

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Dass Trump mit seinen Verbalattacken vor allem China und innerhalb Europas Deutschland ins Visier nimmt, ist weder Zufall noch bloßer Populismus. Beide Länder dominieren den Welthandel auf ihre jeweils eigene Art. Im Jahr 2015 lag China beim Leistungsbilanzüberschuss vorne (mit einem Plus von 293 Milliarden Dollar), 2016 und 2017 eroberte Deutschland den Titel des Exportweltmeisters zurück (mit einem positiven Saldo von zuletzt knapp 260 Milliarden Dollar). „Natürlich ist es kein Makel, wenn ein Land viel exportiert“, sagt BayernLB-Chefvolkswirt Michels. „Es spricht für die Qualität seiner Güter und seine preisliche Wettbewerbsfähigkeit. Die Frage ist nur, inwieweit sich ein solches Land im Gegenzug auch den anderen Marktteilnehmern öffnet. Und in dieser Beziehung schneidet vor allem China nicht gut ab.“

Auf den Bühnen der internationalen Politik präsentiert sich Staatschef Xi Jinping gerne als Anwalt des Freihandels, aber die Realität in seinem Reich sieht anders aus. Dass der Joint-Venture-Zwang, der ausländische Autoproduzenten bisher dazu verpflichtete, Gewinne und Know-how mit ihren chinesischen Partnern zu teilen, bis 2022 vollständig fallen soll, wird zwar weithin begrüßt. „Ein erster Schritt in die richtige Richtung“, sagt Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Nur kommt dieser Schritt möglicherweise ein paar Jahre zu spät. Denn Chinas Führung hat längst ein neues, sehr viel lukrativeres Geschäft für sich entdeckt: die Elektromobilität.

Bis 2025 sollen 20 Prozent der Neuwagen rein batterie- oder hybridbetrieben über die Straßen der Volksrepublik rollen, mit dann auch verpflichtenden Quoten für ausländische Anbieter, sofern sie auf dem mit Abstand größten Automarkt der Welt noch mitspielen wollen. Ein verständliches Ziel, damit die Menschen in den smogverseuchten Metropolen von Shanghai, Peking oder Tianjin wieder mehr Luft zum Atmen haben. Aber wohl nicht das einzige Ziel.

Hinter dieser Vorgabe, schreibt Asienexperte Wolfgang Hirn in seinem kürzlich erschienenen Buch „Chinas Bosse. Unsere unbekannten Konkurrenten“, steckt knallharte Industriepolitik: „Die Führung will die etablierten Automächte in Europa, den USA, Japan und Korea ablösen, indem sie sich bei der neuen Antriebstechnologie an die Spitze setzt.“

Immerhin bis zu 40 Prozent des Fahrzeugwerts entfallen beim elektrifizierten Auto auf das Batteriesystem. Und es ist deshalb wohl auch nicht ohne Hintergedanken, wenn die Regierung in Peking ausländische Akku-Hersteller wie Panasonic, Samsung und LG als Zulieferer aussperrt (offiziell aus Sicherheitsgründen), die heimischen Produzenten BYD und CATL aber massiv subventioniert. Die Elektromobilität, schreibt Hirn, liefert ein „Musterbeispiel dafür, wie in China mal wieder alle zusammenarbeiten“. Hier „könnte sich wiederholen“, was im Bereich der erneuerbaren Energien bereits gelungen sei –„den Weltmarkt zu dominieren“.

Gepäppelt durch Staatsaufträge und günstige Kredite, beherrschen chinesische Photovoltaikkonzerne wie Jinko oder Trina das Solargeschäft heute unangefochten mit einem Weltmarktanteil von rund 70 Prozent. In der Automobilindustrie dürfte den Asiaten die Aufholjagd zwar ungleich schwerer fallen, aber auch hier gilt der alte Slogan, den China-Nachbar Toyota einst geprägt hat: „Nichts ist unmöglich.“

Auf jeden Fall fügt sich die staatliche Förderung der Elektromobilität wie eine Blaupause in das übergeordnete Ziel der Kommunistischen Partei ein. Ihr Masterplan heißt „Made in China 2025“ und markiert in Verbindung mit dem Projekt „Neue Seidenstraße“ die wohl ehrgeizigste Industriestrategie der Welt. In allen wesentlichen Zukunftsbranchen will die Volksrepublik dann führend sein, koste es, was es wolle.

Genau dieser Protektionismus durch die Hintertür – eine Mischung aus Kapitalverkehrskontrollen, mengenmäßigen Beschränkungen von Importen, Subventionen der heimischen Industrie und der Durchsetzung nationaler Produktstandards im vermeintlichen Verbraucherinteresse – ist es, weshalb Simon Evenett, Professor für internationalen Handel an der Universität St. Gallen, darauf hinweist, dass die erhobenen Zölle bei Weitem nicht das einzige Problem im freien Warenverkehr darstellen. „Die nicht tarifären Handelshemmnisse“, sagt er, sind oft das „viel größere Risiko“.

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Nicht tarifäre Handelshemmnisse, mit diesem etwas sperrigen Begriff bezeichnen Ökonomen jenes Sammelsurium aus Vorschriften, die es den Herstellern erschweren oder gar unmöglich machen, ihre Güter weltweit zu vermarkten. Genmanipuliertes Saatgut etwa ist in den USA erlaubt, in Deutschland jedoch nicht. Mal ist die verlangte Ummantelungsfarbe für Elektrokabel unterschiedlich geregelt, mal schreibt der Gesetzgeber von Land zu Land andere Außenspiegel oder Bremsleuchten für seine Autos vor. Bald jeden Tag kommt eine neue Anweisung hinzu, mit der die Kosten der Exporteure weiter in die Höhe schießen. So soll in China ab 2019 nun endgültig eine Klausel greifen, nach der ausländische Nahrungsmittellieferanten nur noch ins Land dürfen, wenn sie neben den national vorgeschriebenen Zertifkaten auch eine chinesische Unbedenklichkeitsbescheinigung vorweisen können.

Insgesamt 372 solcher Handels- und Investitionshemmnisse sind nach dem aktuellsten Bericht der Europäischen Kommission weltweit in Kraft. Und das Ifo-Institut hat im Auftrag der Bertelsmann Stiftung aufgrund jüngst verfügbarer Daten auch gleich mal errechnet, welcher Schaden dadurch entsteht. Auf rund 512 Milliarden US-Dollar Umsatz mussten die Exporteure im Jahr 2015 demnach verzichten, weil sich die Länder voneinander abschotten. Für Deutschland summierte sich das Außenhandelsminus auf 43 Milliarden US-Dollar – immerhin rund 1,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Untersuchungsjahr.

Aber was heißt hier schon Minus? Begünstigt durch den Euro, feiern die Champions im deutschen Exportgeschäft einen Rekord nach dem anderen. Führten sie im Jahr 2009 Waren im Wert von 803 Milliarden Euro aus, waren es 2017 schon 1.279 Milliarden. Diese Entwicklung ist natürlich auch der Überwindung der globalen Konjunkturkrise geschuldet. Aber unterm Strich (also minus der Importe) steht trotzdem ein aktueller Handelsüberschuss von 245 Milliarden Euro, der schon in der Vergangenheit dazu geführt hat, dass die Leistungsbilanz Deutschlands seit anderthalb Jahrzehnten durchweg positiv ausfällt – mit einem Plus von zuletzt acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Viel zu viel, rügen die Handelspartner. Als „stabilitätsgefährdend“ stuft die EU-Kommission bereits Überschüsse von maximal sechs Prozent der Wirtschaftsleistung ein, weshalb Deutschland nicht nur in den USA, sondern auch in der Gemeinschaft selbst seit Jahren in der Kritik steht. „In Deutschland“ darf es „keinen ewigen Fetischismus für die Budget- und Handelsüberschüsse geben“, sagte gerade erst Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron, als er in Aachen Mitte Mai den Karlspreis für seine Verdienste um die europäische Einigung entgegennahm.

„Fetischismus“ ist ein hartes Wort. Denn es rührt am Selbstverständnis einer Nation, die auf den Titel des sparsamen Exportweltmeisters mächtig stolz ist. Was, bitte schön, soll denn so schlimm daran sein, wenn deutsche Ingenieurskunst weltweit so dermaßen gefragt ist? Tunnelvortriebsmaschinen von Herrenknecht, Kompressoren von Kaeser oder Autos aus Stuttgarter Produktion?

Erst einmal nichts. Nur hat der Titel des Exportweltmeisters auch eine Schattenseite. Die Überschüsse hierzulande markieren zwangsläufig ein Defizit der anderen. Auch nicht weiter schlimm, ließe sich einwenden, denn damit baut sich Deutschland einen Vermögensstock auf, von dem eine alternde Bevölkerung morgen leben kann. Vorausgesetzt, das viele Geld steht in Zukunft auch noch zur Verfügung.

Und da haben so manche Beobachter ihre Zweifel. Bereits vor gut einem Jahr machte Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), eine ziemlich ernüchternde Bilanz auf. Von den 2.200 Milliarden Euro, die Deutschland seit dem Jahr 2000 mit seinen Exportüberschüssen verdient hat, blieben seiner Rechnung nach am Ende nur 1.600 Milliarden Euro übrig. Das heißt: Exporte im Wert von 600 Milliarden Euro wurden quasi verschenkt – verloren durch schlechte Geldanlagen im Ausland. „Die ungleich bessere Option“, sagt Fratzscher, wäre es gewesen, „den größten Teil dieser Ersparnis in Deutschland zu investieren“. Beispielsweise in Bildung, Innovation und Infrastruktur.

Also Schluss mit falscher Sparsamkeit, runter mit den Überschüssen und rauf mit den Investitionen im eigenen Land? Auch, weil Deutschland im aktuellen Handelskonfikt dann nicht länger mit am Pranger stünde? „In gewisser Weise ja“, sagt BayernLB-Chefvolkswirt Michels. „Man kann eine ganze Zeit mit Überschüssen oder Defziten über die Runden kommen. Aber auf sehr lange Sicht schaffen nur relativ ausgeglichene Handelsbilanzen jenen Frieden, den wir uns wünschen. Und das wäre auf jeden Fall sinnvoller, als sich jetzt gegenseitig mit Strafzöllen zu überziehen, die am Ende nur allen schaden.“

Möglicherweise hat ja sogar ein Mann wie Donald Trump Ähnliches im Sinn. „Keine Zölle und keine Hemmnisse, so sollte es sein.“ Das sagte er bereits am Ende des G7-Gipfels Anfang Juni im kanadischen La Malbaie, bevor er sich in gewohnter Rambo-Manier von dort verabschiedete. Leicht verwundert nahmen die versammelten Staatschefs seine Worte da noch zur Kenntnis, weil er selbst nur kurz zuvor neue Zölle gegenüber dem Rest der Welt angedroht hatte.

Widersprüchlicher geht es kaum, aber vielleicht sind das auch nur die ungeschriebenen Regeln im Politik-Poker eines Mister Trump. Heute hü, morgen hott. Davon zumindest zeigte sich sein Republikaner- Freund Matt Bevin, Gouverneur in Kentucky, von Anfang an überzeugt. „Im Moment hauen sich alle gegenseitig einen auf die Mütze“, sagte er noch kurz vor Junckers Reise nach Washington. „Irgendwann hat der Erste genug davon. Und dann wird man darüber reden, unter welchen Bedingungen man mit der Rauferei aufhört.“

Genau das ist der Punkt, an dem die Beteiligten nun stehen. Bleibt nur zu hoffen, dass der in Washington vereinbarte Waffenstillstand noch ein bisschen anhält und der Twitter-Präsident am Ende nicht zu hoch pokert. Denn in einer Welt ohne Zölle und Subventionen würden sich endlich auch jene Länder besserstellen, die darunter wohl am allermeisten leiden.

Zum Beispiel die Bauern in Afrika, die ihre Kaffeebohnen zwar zollfrei in die EU ausführen dürfen, aber nur unverarbeitet. Was in der Vergangenheit zur Folge hatte, dass Länder wie Deutschland mit dem Export der gerösteten Ware mehr verdienten als Afrika mit seinen Bohnen. „Die Nachteile, die Europas Agrarprotektionismus für die Entwicklungsländer bedeutet“, sagt Hans-Werner Sinn, wiegen oft „schwerer als die Vorteile aus der Entwicklungshilfe“.

Und das ist ökonomisch nun wirklich Blödsinn, auch in humanitärer Hinsicht.