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Auf Nummer sicher

Die Deutschen blicken optimistisch wie selten in die Zukunft. Dennoch ist ein bisschen mehr Zweckpessimismus angebracht, vor allem im Geschäftsleben. Denn wer das Schlimmste stets mit einkalkuliert, handelt in aller Regel vorsichtiger und rüstet sich rechtzeitig und wirksam gegen mögliche Gefahren

Zinsen, Währungen, Rohstoffe – warum ein wenig Zweckpessimismus im Geschäftsleben gar nicht so verkehrt ist

© Jaye Kang

Die Deutschen blicken optimistisch wie selten in die Zukunft. Knapp zwei Drittel von ihnen sind positiv gestimmt, wenn sie die wirtschaftliche Entwicklung und die Zukunftsaussichten der jungen Generation beurteilen. Zu diesem fast gleich lautenden Ergebnis kommen mehrere Studien aus den Häusern Allensbach, Rheingold und der Bertelsmann Stiftung. Einmütig stellen die Autoren fest, dass sich die Gefühlslage der Nation seit 2015 wieder deutlich aufgehellt hat – trotz anhaltender Flüchtlingskrise, des Brexit oder des Siegeszugs rechtspopulistischer Parteien in Europa. Zuversicht und Optimismus also – fast so, als würde das „Kölsche Jrundjesetz“, Artikel 3, nun von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen gelten: „Et hät noch immer jot jejange.“ Keine Frage, sympathisch ist die Lebensweisheit der Rheinländer. Aber ein bisschen mehr Zweckpessimismus ist trotzdem angebracht, vor allem im Geschäftsleben. Denn wer das Schlimmste stets mit einkalkuliert, handelt in aller Regel vorsichtiger und rüstet sich rechtzeitig und wirksam gegen mögliche Gefahren. Mit Schwarzseherei hat das nichts zu tun, eher schon mit nüchterner Überlegung und Erfahrung. Die gute Nachricht dabei lautet: Die meisten Risiken, die jedes Business nun mal mit sich bringt, sind mittlerweile sehr gut beherrschbar. Wer sich heute etwa über die neuen Handelsbeschränkungen grämt oder für die Zukunft steigende Zinsen oder Rohstofpreise fürchtet, kann sich gegen solche Geschäftsbarrieren effektiv absichern. „Hedgen“, wie es der Experte nennt. Damit es am Ende des Geschäftsjahrs dann wieder auf gut Rheinisch heißen darf: „Et hät widder jot jejange.“

Zinsmanagement – Wie Unternehmen ihr Finanzierungsportfolio optimieren

Der Titel klingt verdächtig nach Horrorfilm, aber er beschwört alles andere als eine Hollywood-Fiktion. „The Walking Dead“ heißt eine aktuelle Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), in der die Autoren vor wandelnden Toten ganz eigener Art warnen. Vor Unternehmen, die sich nur dank günstigster Finanzierungsbedingungen gerade so über Wasser halten. Sorge bereitet den OECD-Experten, was passiert, wenn die Zinsen wieder signifikant steigen. Ihre Befürchtung: „Das könnte den Großteil dieser Zombie-Unternehmen überfordern“ und in der Folge eine enorme Pleitewelle auslösen. Ganz unwahrscheinlich ist dieses Szenario nicht. Auf jeden Fall mehren sich die Anzeichen, dass die Politik des billigen Geldes allmählich zu Ende geht. Die US-Notenbank hat die Zinswende bereits eingeleitet, und die Europäische Zentralbank will zumindest ihre Anleihekäufe bis Ende des Jahres einstellen. Manche Analysten erwarten deshalb sogar, dass der Leitzins auch in Europa ab Mitte kommenden Jahres wieder nach oben zeigen wird.

„Wir beobachten schon jetzt eine steigende Nachfrage bei den Pre-Hedges“, sagt Klaus Voit, Leiter der Abteilung Treasury Products Sales bei der BayernLB. Mit anderen Worten: Vorausschauende Manager richten sich bereits auf härtere Zeiten ein und sichern sich das derzeit noch niedrige Zinsniveau für Anschlussfinanzierungen, die eigentlich erst in ein paar Jahren anstehen. Doch nicht alle Unternehmen handeln derart weitsichtig. „Das gefühlte Nullzins-Niveau suggeriert Firmen eine scheinbare Zinssicherheit, die keineswegs gegeben ist“, sagt Adrian Hunger, zuständig für das Team Midcaps in der Abteilung Treasury Products. „Man muss sich nur die Bewegungen am mittleren und langen Ende der Zinskurve anschauen. Zwar bewegen sich die Ausschläge noch auf niedrigem Niveau, aber sie sind ein ernst zu nehmender Indikator dafür, dass immer mehr Marktteilnehmer mit einer baldigen Zinswende rechnen.“ Hat es sich in den vergangenen Jahren schlicht nicht gelohnt, variabel verzinste Finanzierungen abzusichern, rückt das Hedging nun wieder stärker in den Fokus der Unternehmensentscheider. Sie suchen nach Optimierungsstrategien zugunsten besserer Konditionen oder möglicher Einsparungen für ihre Geschäfte von morgen. „Ein Blick auf den fixen und variablen Anteil im Finanzierungsportfolio lohnt sich in jedem Fall“, sagt BayernLB-Experte Voit. „Einige unserer Kunden haben ihre variable Verzinsung deshalb bereits in feste Zinsen überführt oder sich das aktuelle Zinsniveau dank flexibler Derivate für die Zukunft gesichert.“

Am langen Ende der Zinsen: Zwischen Dez 2017 und März 2018 stieg der Kurs von 0,80 auf 1,20 Euro - also um 50 Prozent

Währungsmanagement – Wie Unternehmen ihre Geschäfte in fremdem Geld effektiv verwalten

Mit den marktüblich bedingten Währungsschwankungen sind exportorientierte Unternehmen hinlänglich vertraut. Nur ändert sich die Welt gerade sehr viel schneller, als so manchem Manager lieb ist. „Die aktuellen Handelskonfikte können durchaus eine Kräfteverschiebung in der Weltwirtschaft auslösen“, sagt Adrian Hunger, Treasury-Experte bei der BayernLB. „Und am langen Ende dann auch zu einer Neubewertung nationaler Währungen führen.“ Wie schnell sich das Blatt wenden kann, im positiven wie im negativen Fall, zeigt beispielhaft der Wechselkurs zwischen Euro und US-Dollar. „Auf einen zwölfmonatigen Anstieg des Euro seit März 2017 folgte in den Frühjahrsmonaten April und Mai 2018 ein scharfer Abstieg innerhalb von nur acht Wochen“, sagt Hunger. Und der konnte einen Importeur, je nachdem, wann er seine Waren auf US-Dollar-Basis kalkuliert hatte, im schlimmsten Fall richtig viel Geld kosten. Hunger: „Wer sein Geschäft zu einem Kurs von 1,24 US-Dollar einfädelte, musste binnen von nur zwei Monaten fast 6,5 Prozent mehr für die gleiche Warenlieferung zahlen.“

Solche Transaktionsrisiken lassen sich durch passgenaue Kurssicherungsinstrumente vermeiden, ebenso wie die erst zu einem späteren Zeitpunkt wirksamen buchhalterischen Positionen, die sogenannten Translationsrisiken. Sie ergeben sich immer dann, wenn beispielsweise eine ausländische Tochtergesellschaft Forderungen in lokaler Währung hält, die zum Bilanzstichtag konsolidiert werden müssen, je nach Marktlage mal zu einem höheren oder auch zu einem niedrigeren Kurs. Zunächst handelt es sich dabei nur um zahlungsunwirksame Positionen. Denn eine Forderung über 100 Dollar bleibt die längste Zeit auch eine Forderung über 100 Dollar, aber eben nur bis zum Bilanzstichtag, wenn diese Forderung in heimischer Währung abgerechnet wird und aufgrund möglicher Wechselkursschwankungen weniger wert sein kann, als in den Büchern steht.

„Solche Buchverluste können empfindliche Auswirkungen auf das Eigenkapital eines Unternehmens haben“, sagt Hunger. „Wir stellen unseren Kunden deshalb die Frage, welche Effekte erwünscht sind und welche sie lieber vermeiden wollen. Entsprechend wählen wir für sie dann das passende Hedging-Instrument aus.“

Der Wert des Geldes: Auf einen zwölfmonatigen Anstieg von 1,05 auf 1,25 Dollar folgte ab März 2018 der scharfe Abstieg – auf nur noch 1,16 Dollar

Rohstoffmanagement – Wie Manager sich langfristig günstige Energie- und Rohstoffpreise sichern

Fast 80 US-Dollar pro Fass. Das kostete Rohöl der Sorte Brent Anfang Juli dieses Jahres – so viel wie seit knapp vier Jahren nicht mehr. Und das ist bei Weitem nicht der einzige Rohstoffpreis, der den Finanzverantwortlichen in den Unternehmen gerade die Schweißperlen auf die Stirn treibt. So hat sich der Preis für Emissionszertifikate seit Beginn des Jahres verdoppelt und steht aktuell bei 17,30 Euro, Tendenz weiter steigend. Einzig die Preise für Edelmetalle haben sich abgeschwächt, bieten aber gerade deshalb aktuell günstige Kaufniveaus. Die Ursachen für die starken Preisschwankungen an den Rohstoffmärkten sind ebenso vielfältig wie unvorhersehbar. Mal treibt die einseitige Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran durch die USA den Ölpreis nach oben, mal sorgen Lieferengpässe für steigende Steinkohlepreise an den Börsen, und manchmal ist es einfach nur ein besonders kalter Winter, der die Gasspeicher leert und in der Folge die Erdgaspreise in die Höhe schnellen lässt. „Mit diesen Preisrisiken müssen Unternehmen aktiv umgehen“, sagt Michael Lange, Leiter der Abteilung Energy & Commodity Solutions bei der BayernLB. „Starke Preisbewegungen und langfristig steigende Rohstoffpreise haben bei vielen Unternehmen deshalb das Bewusstsein für diese Risiken erhöht und den Einsatz von finanziellen Sicherungsinstrumenten wie Futures, Forwards, Swaps und Optionen entsprechend gefördert.“ Aber längst nicht überall in gleichem Maße. Klar ist den Unternehmen, dass sie mit definierten Preisober und -untergrenzen für den Einkauf ihrer Rohstoffe an Planungssicherheit gewinnen. Die Frage ist nur, wann der jeweils beste Zeitpunkt für den Einsatz dieser Derivate gekommen ist. Heute schon? Oder besser in sechs Monaten? Möglicherweise sogar erst in einem Jahr? „Der optimale Zeitpunkt lässt sich ex ante kaum bestimmen“, sagt Lange. „Aber eine Streuung der Mengen auf unterschiedliche Zeitpunkte kann helfen, eine Sicherung zu Höchstständen zu vermeiden.“ Das ist auf jeden Fall klüger, als sich bequem zurückzulehnen und auf günstigere Preise in der Zukunft zu hoffen. „Wer so kalkuliert, setzt sich hohen Gefahren aus“, sagt Lange. Denn Rohstoffpreise sind heute nicht nur von Angebot und Nachfrage abhängig, sondern werden immer stärker auch durch kaum vorhersehbare Entscheidungen auf politischer Ebene und Spekulationen an den Märkten beeinflusst. Lange: „Ich kann deshalb nur jedem Unternehmen raten, seine Rohstoffpreisrisiken rechtzeitig zu managen und abzusichern.“

Jo-Jo an den Rohstoffmärkten: indizierte Preisentwicklung von Rohöl, Steinkohle und Erdgas seit 2013