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Sagen Sie mal, Herr Vermeer ... müssen wir China fürchten?

In rasantem Tempo drängt China an die Weltspitze. Wir sprachen mit dem Asienexperten Manuel Vermeer über Pekings Expansionspläne, Chancen und Risiken für die deutsche Wirtschaft – und warum die Wirklichkeit so spannend wie ein Krimi ist. Von Thomas Bundschuh

© Robert Brembeck

Der China-Experte

Manuel Vermeer studierte in Shanghai und Heidelberg klassische und moderne Sinologie und promovierte über chinesische Wirtschaftspolitik. 1985 und 1986 war er Teil des Dolmetscherteams bei Staatsbesuchen der damaligen politischen Führung Chinas durch Helmut Kohl, Richard von Weizsäcker und Hans-Dietrich Genscher. Heute blickt er auf eine rund 30-jährige Lehrtätigkeit an dem von ihm mitgegründeten Ostasieninstitut der Hochschule Ludwigshafen am Rhein zurück sowie auf eine sehr erfolgreiche Tätigkeit als Unternehmensberater mit seiner Firma Dr. Vermeer Consult.

„China verfolgt seit seiner Gründung einen 100-Jahres-Plan, weltweit die Nummer eins zu werden.“
Manuel Vermeer, Asienexperte

Sagen Sie mal, Herr Vermeer…. Müssen wir China fürchten?

Nein, wir müssen keine Angst vor den Chinesen haben. Aber wir – und damit meine ich Europa und im speziellen Deutschland – brauchen eine klare Strategie, wie wir mit China umgehen wollen. Ein solches Konzept sehe ich derzeit leider noch nicht. Das macht mir etwas Sorgen.

Resultiert Ihre Einschätzung aus dem rasant zunehmenden wirtschaftlichen Einfluss Chinas?

Noch ist China nach den USA die Volkswirtschaft Nummer zwei. Doch in spätestens zehn Jahren dürfte das Reich der Mitte an der Spitze stehen. China verfolgt in dieser Hinsicht einen sehr detaillierten Plan. Und damit meine ich nicht die hinlänglich bekannten 5-Jahres-Pläne. China hat vielmehr einen 100-Jahres-Plan: 1949 wurde die Volksrepublik gegründet und für das Jahr 2049 lautet das Ziel, weltweit die Nummer eins zu sein. Insofern stört sich China auch überhaupt nicht an Donald Trumps Devise „America First“. „China First“ stand schon immer auf der chinesischen Agenda. Aktuell liegt China mit seinen ambitionierten Zielen deutlich vor Plan. Sicher nicht in allen Bereichen, aber zum Beispiel in der Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz ist China schon heute weltweit führend.

Was sind die Gründe für Chinas rasante Wirtschaftsdynamik?

Als ich 1982 erstmals nach China kam, war das Land eines der ärmsten der Welt und heute reden wir von der künftigen Wirtschaftsmacht Nummer eins. Diese Entwicklung war nur möglich, weil die Regierung Investitionen extrem gefördert hat und auch weiterhin fördert, ohne im Detail zu prüfen, ob sie sich auch betriebswirtschaftlich rechnen. Mit anderen Worten: China ist wirtschaftlich deshalb so erfolgreich, weil es eine zentralistische Diktatur ist. In einer marktwirtschaftlichen Demokratie wäre eine Wirtschaftsdynamik in diesem Ausmaß nicht möglich.

Der Motor dieser Dynamik läuft unter dem Slogan „Made in China 2025“. Im Zuge dieser Strategie kaufen die Chinesen auch reihenweise deutsche Mittelstands-Champions auf. Werden diese Unternehmen technologisch ausgeplündert oder profitieren sie womöglich sogar von den chinesischen Bossen?

Weltweit führende Hidden Champions aus Deutschland sind tatsächlich begehrte Investitionsziele der Chinesen. Im Fokus stehen die Branchen erneuerbare Energien, Kommunikation, digitale Netze, Stromversorgung und Automotive-Supplier. Natürlich kaufen die Chinesen diese Firmen aufgrund ihrer technologischen Kompetenz, aber das ist nicht der einzige Grund. Neben dem Know-how wollen sie von den Logistikwegen und von den starken Marken profitieren. Auch nach einer Beteiligung oder Übernahme ist das Interesse deshalb sehr hoch, in das Unternehmen zu investieren und das Geschäft weiter auszubauen.

Also müssen wir den Ausverkauf der deutschen Wirtschaft nicht fürchten?

Ich wiederhole: Keine Angst vor den Chinesen! Zugespitzt möchte ich es so ausdrücken: Wir können grundsätzlich wählen zwischen einer amerikanischen Heuschrecke oder einem chinesischen Investor. Nach meinen nunmehr 30-jährigen Erfahrungen als Unternehmensberater halte ich den chinesischen Investor für die bessere Variante. Ich kenne nur wenige Fälle, in denen es deutschen Firmen mit einem chinesischen Investor wirtschaftlich schlechter ging, sie womöglich zerschlagen oder Mitarbeiter entlassen wurden. Ursächlich hierfür ist auch, dass die Chinesen bei uns extrem hohe Zusagen einhalten müssen, beispielsweise bei den Tarifverträgen, der Weiterbeschäftigung und Zukunftsplanung. Alles Aussagen, die in diesem Ausmaß für einen deutschen Investor nichtgelten. Davon können auch mittelständische Unternehmen profitieren, die auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger sind. Und noch ein Punkt: Wenn Chinesen kaufen, spielt der Preis für sie meist keine Rolle.

Sehen Sie die Gefahr, dass in deutschen Unternehmen zunehmend eine chinesisch geprägte Unternehmenskultur Einzug hält?

Da die meisten chinesischen Unternehmen von ihrer Regierung finanziell gefördert werden, steckt hinter jeder Investition immer auch ein politischer Einfluss, den wir in Deutschland gar nicht umfassend beurteilen können. Auf der anderen Seite bin ich allerdings der Meinung, dass eine chinesische Unternehmenskultur hierzulande gar nicht funktionieren könnte. Der Erfolg deutscher Unternehmen basiert ja auch auf unserer demokratisch und marktwirtschaftlich geprägten Kultur. Mit umfangreichen Rechten für die Angestellten und einem offenen Umgang mit Öffentlichkeit und Medien beispielsweise. Ein Investor aus Fernost ändert daran nichts.

Richten wir den Blick von Deutschland nach China. Wer investiert dort und warum?

Alle großen deutschen Unternehmen sind heute in China vertreten. Viele Mittelständler sind ebenfalls präsent oder prüfen ein mögliches Engagement, weil der Absatzmarkt für sie riesige Chancen bietet.

Wo lauern die Risiken?

Davon gibt es jede Menge. Denken Sie etwa an die eingeschränkte Internetnutzung. Sämtliche Daten laufen heute über den Schreibtisch der chinesischen Regierung. Risikoreich ist auch, dass es keine wirkliche Transparenz über Eigentumsverhältnisse oder finanzielle Altlasten gibt. Hinzu kommt, dass ausländische Investitionen nur in bestimmten Bereichen möglich sind. Was wir in China dürfen, ist sehr viel weniger, als das, was die Chinesen in Deutschland dürfen. Und schließlich ist das tägliche Leben für Deutsche dort nicht mehr so privilegiert und komfortabel, wie es noch vor ein paar Jahren war. Sie müssen mit einem hohen Bürokratieaufwand für Visaverlängerungen rechnen und sich auf eine extreme Luftverschmutzung in den Metropolen einstellen, auf vergiftete Flüsse und belastete Nahrungsmittel.

Eine Billion US-Dollar will China in den Handelsweg „Neue Seidenstraße“ pumpen. Wie ordnen Sie diese Initiative wirtschaftlich und geopolitisch ein?

Die „Neue Seidenstraße“ wird China und Europa enger zusammenführen. Nach offiziellen Angaben sollen vier bis fünf Milliarden Menschen in etwa 70 Ländern unmittelbar davon betroffen sein. Im Kern unterstreicht dieses Megaprojekt die weltweiten Expansionspläne des Landes. Frei nach der Devise „Geld statt Waren“. China investiert überwiegend in die Infrastruktur armer Regionen, die das Geld zwar tatsächlich brauchen, dadurch aber auch in eine starke finanzielle Abhängigkeit zu China geraten. Am Ende wird Peking nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geopolitisch stark profitieren. Geschäftschancen bieten sich auch für deutsche Unternehmen als Partner für einzelne Projekte. Aufgrund der intransparenten Vergabemechanismen sowie der hohen Abhängigkeit von chinesischen Firmen rate ich aber, ein solches Engagement sehr genau zu prüfen.

Was sollte ein deutscher Unternehmer in China grundsätzlich beachten?

Mit einer umfassenden Expertise und fachlichen Unterstützung sind in China nach wie vor extrem erfolgreiche Geschäfte möglich. Das A und O ist eine akribische Vorbereitung. Entscheidend ist zum Beispiel die genaue Kenntnis der Märkte. Zweitens muss die Standortfrage beantwortet werden. Wo sind meine Zulieferer, wenn ich produziere? Wo ist mein Markt, wenn ich verkaufe? Allein der Großraum Shanghai umfasst 150 Millionen Menschen, aber ist meine Supply-Chain damit auch optimal abgesichert? Und drittens stellt sich natürlich die Personalfrage. Erfüllt ein chinesischer Ingenieur tatsächlich und verifizierbar mein Qualifikationsprofil, oder ist seine berufliche Vita womöglich sogar gefälscht?

Ihr Wissen über China und auch Indien verarbeiten Sie seit drei Jahren nicht nur in Sachbüchern und Fachbeiträgen, sondern auch als Krimiautor. Warum?

Alles in meinen Romanen ist Science und nicht Fiction. Mein erster Roman „Mit dem Wasser kommt der Tod“ spielt in Tibet. Hier entspringen alle wichtigen Flüsse Ost- und Südasiens. China sitzt also am Wasserhahn für 3,5 Milliarden Menschen. Das ist der reale Ausgangspunkt meines Krimis. In meinem aktuellen Buch „Tod am Taj Mahal“ dreht sich alles um Sand, ebenfalls eine immer knapper werdende Ressource. Wir verbrauchen pro Jahr weltweit 40 Milliarden Tonnen davon – für Beton, aber auch für Glas, Computer-Chips, Solarzellen, Zahnpasta und sogar für das Brauen von Bier. In Indien agiert heute schon eine regelrechte Sand-Mafia. Kriege um den Rohstoff sind vorprogrammiert. Aber mehr möchte ich hier nicht verraten.

Der Krimiautor

Im Mittelpunkt der Krimis von Manuel Vermeer steht die deutsche Ingenieurin Cora Remy. Nach den Büchern „Mit dem Wasser kommt der Tod“(2015) und „Das Jahr des Hahns“ (2017) erschien im August sein dritter Thriller unter dem Titel „Tod am Taj Mahal“. Darin verstrickt sich seine Protagonistin Cora in einen fast aussichtslosen Kampf gegen die indische Sand-Mafia.