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"Eine ganz runde Sache" - Jahrestage der Wirtschaft

Irgendetwas ist ja immer los, aber dieses Jahr war es ganz besonders viel. Karl Marx feierte seinen 200. Geburtstag, der Geldautomat wurde 50 und zwei sehr außergewöhnliche Fahrzeuge rollten vor 70 Jahren erstmals über die Straßen Europas. Keine Frage: Ökonomisch war 2018 ein Jahr der Erinnerungskultur und des historischen Spektakels. Mit neun kleinen Geschichten blicken wir hier deshalb noch einmal zurück auf die Jahrestage der Wirtschaft – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, dafür aber mit ein paar Fakten, die uns bis heute staunen lassen. Von Stefan Schmortte

© Serge Bloch

200 Jahre Karl Marx

Über zwei Männer mit Bart

Mehrwert, allerdings ohne Steuer, bezeichnet auch einen sehr zentralen Begriff in der Philosophie von Karl Marx, der am 5. Mai 200 Jahre alt geworden wäre. Sehr vereinfacht formuliert bezeichnet der Mehrwert in seiner Theorie den Gewinn, den sich die bösen Fabrikanten in die Tasche stecken, weil sie ihre Arbeiter nicht anständig bezahlen. Eine These, die unter Ökonomen heutzutage kaum noch Anklang findet. Die Vorstellung, dass sich der Wert einer Ware „nur durch den Gehalt an Arbeit, der darin steckt“ erklären soll, „während die Kosten des Kapitaleinsatzes nichts als ein Mehrwert seien, den die Kapitalisten den Arbeitern stehlen“ ,schreibt Hans-Werner Sinn, „ist mehr Ideologie als Erkenntnis.“

Dennoch zollt der ehemalige Chef des Münchner ifo-Instituts und streitbarer Ökonom im Ruhestand dem Kollegen aus Trier Respekt – nicht wegen seiner Mehrwert-, sondern wegen seiner Krisentheorie, dargelegt im dritten Band vom Kapital, der 1894 erschien. Dort geht es um die Profitrate, also um den Unternehmergewinn im Verhältnis zum Kapitaleinsatz, heute gemeinhin Rendite genannt. Marx war der Auffassung, dass die Profitrate im Laufe der wirtschaftlichen Entwicklung tendenziell auf ein immer niedrigeres Niveau sinke, weil der technische Fortschritt immer mehr Kapitaleinsatz erfordere und sich die Gewinne in der Folge entsprechend reduzieren würden. Was irgendwann dann dazu führt, dass kein Unternehmen mehr investiert und die Wirtschaft als Ganzes in die Krise stürzt.

Allerdings nur vorübergehend, ergänzte 50 Jahre später der Nationalökonom Joseph Schumpeter. Als die Kraft „Schöpferischer Zerstörung“ beschrieb er den Prozess der Selbstheilung, weil die Unternehmen auf den Trümmern der Vergangenheit stets wieder von vorne beginnen würden. Ein Gedanke, der Hans-Werner Sinn hochaktuell erscheint, weil dieser, im Grunde genommen gesunde Kreislauf durch die Null-Zins-Politik der Zentralbanken quasi außer Kraft gesetzt werde und Zombie-Unternehmen am Leben erhalte, die eigentlich längst gestorben sein müssten. Als Konsequenz der ausufernden Rettungsaktionen befürchtet Sinn eine „staatlich gesteuerte Wirtschaft“, die mit einer Marktwirtschaft nicht mehr viel gemein hat. Sein Fazit: „Im Endeffekt könnte sich Marx’ Behauptung, der Kapitalismus werde am Fall der Profitrate zugrunde gehen und dem Sozialismus den Weg ebnen, also bewahrheiten – wenn auch ganz anders, als er es vermutet hat.“ Das schreibt der überzeugte Bartträger Hans-Werner Sinn, in diesem Jahr selbst 70 geworden, an den 200jährigen Kollegen mit dem noch etwas längeren Bart.

© Serge Bloch

50 Jahre Mehrwertsteuer

O Tannenbaum

Beliebt war sie, aber zahlen muss sie jeder: Insgesamt gut 170 Milliarden Euro spült die Umsatzsteuer in die Kassen von Bund, Ländern und Gemeinden. Am 1.Januar 1968 erstmals erhoben, ist sie nach der Lohnsteuer (2017: 195,5 Milliarden Euro) heute der zweitwichtigste Einnahmeposten des Staates und trägt aktuell rund 30 Prozent zum Haushalt bei. Nur trifft die Steuer nicht jeden gleich: Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) müssen ärmere Haushalte mit einem durchschnittlichen Monatsbruttoeinkommen von 970 Euro pro Person 13 Prozent ihrer Einnahmen für die Mehrwertsteuer aufwenden, während es bei den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung (mit einem Bruttoeinkommen von mindestens 5.300 Euro pro Person) nur 4,2 Prozent sind.

Abgelöst hat die Mehrwertsteuer 1968 eine Abgabe, die schon vom Namen her auf ein wahres Ungetüm schließen lässt: die sogenannte „AllphasenBruttoUmsatzsteuer“, begünstigte das Verfahren die großen Konzerne mit tiefer Wertschöpfung, weil sie die Steuer nur einmal zahlen mussten, während die Zulieferer in der Produktionskette bei jedem einzelnen Verkauf zur Kasse gebeten wurden. Gerechter ist der Prozess durch den heute garantierten Vorsteuerabzug geworden (weil damit nur noch die jeweilige Wertsteigerung der Besteuerung unterliegt, weshalb die Steuer ja auch Mehrwertsteuer heißt), aber unkomplizierter wurde das Verfahren nicht unbedingt.

Insbesondere die sehr unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze – keineswegs nur differenziert nach Gütern des täglichen (7 Prozent) oder des sonstigen Bedarfs (19 Prozent) – sorgen regelmäßig für Kopfschütteln. Die ganz normale Kartoffel kostet sieben Prozent, die Süßkartoffel dagegen 19. Hundekekse besteuert der Staat mit dem reduzierten Steuersatz, Kinderkekse mit dem vollen. Für Sojamilch sind 19 Prozent fällig, für Kuhmilch nur sieben. „Das muss man mal erklären“, sagte jüngst Kay Scheller, der Präsident des Bundesrechnungshofes. „Ich könnte es nicht.“

Selbst innerhalb der gleichen Warengruppe gelten mitunter sehr unterschiedliche Sätze. Zum Beispiel beim Weihnachtsbaum: Der kostet mal 19, mal 10,7, mal 7 oder auch nur 5,5 Prozent – je nachdem, ob seine Nadeln künstlich sind, der Baum von einem Landwirt oder im Baumarkt verkauft wird, im Wald oder einer Sonderkultur aufgewachsen ist. Außer auf Helgoland. Dort kostet der Tannenbaum wirklich nur, was ein Tannenbaum eben so kostet, weil die Nordseeinsel als mehrwertsteuerfreie Zone behandelt wird. Aber das ist ein anderes Thema.

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70 Jahre Porsche

Rendite auf Rädern

Die Fahrgestellnummer 356001 begründet einen der größten Automythen auf den Straßen der Welt. Der erste Porsche erhält am 8. Juni 1948 seine allgemeine Betriebserlaubnis. Heute, 70 Jahre später, ist der Sportwagenhersteller aus Zuffenhausen, natürlich auch dank der Gleichteilefertigung, im VW-Konzern, einer der profitabelsten Autobauer weltweit – mit einer Rendite von 17,6 Prozent.

Daimler kam im Autogeschäft nach Berechnungen der Unternehmensberatung Ernst & Young im Geschäftsjahr 2017 auf eine Marge von 9,6, BMW auf immerhin noch auf 8,9 Prozent. Ein kleiner Italiener darf in diesem Ranking selbstverständlich nicht fehlen: der Kleinlastwagen Ape des Vespa-Herstellers Piaggio, der 2018 ebenfalls seinen 70. Geburtstag feierte, wenn auch nur auf drei Rädern. Eines seiner Knatterfahrzeuge der Serie P501 mit Erstzulassung 1980 wird auf dem Fahrzeugmarkt von mobile.de aktuell für 13.500 Euro angeboten, fast dreimal mehr als ein neuwertiger Kastenwagen aus heutiger Produktion kostet.

Ein Porsche gleicher Generation, der 911 SC Targa, kommt mit Erstzulassung 1980 auf eine ähnlich beachtliche Wertsteigerungsrate, allerdings mit rund 180 gegen nur die nur 10 PS der Ape. Merke: Auch mit Dreirädern lassen sich über lange Sicht sehr ordentliche Renditen erwirtschaften.

© Serge Bloch

100 Jahre DIN-Norm

Das große Einerlei

A = B mal V2. So lautet die mathematische Formel für die allergrößte Gleichmacherei in der Wirtschaftsgeschichte. Sie gewährleistet, dass ein Blatt, in der Mitte gefaltet, das gleiche Seitenverhältnis aufweist wie der Originalbogen. Exakt 210 Millimeter in der Breite und 297 Millimeter in der Höhe beträgt das Maß bei dem wohl populärsten Bogen Papier, besser bekannt unter seinem Name DINA4. Festgelegt wurde der Standard Anfang der zwanziger Jahre von dem damals noch als „Normenausschuss der deutschen Industrie“ firmierenden Verband, ein paar Jahre nachdem er seine allererste Norm für Kegelstifte am 1. März 1918 verabschiedet hatte.

Heute umfasst das Regelwerk rund 34.000 Normen, die garantieren, dass der Stecker in die Dose passt oder die Spülmaschine durch die Tür. Ein Exportartikel erster Güte ist das große Einerlei. Denn die Standardisierung der Produkte steigert die Effizienz in den Fertigungsprozessen für alle Beteiligten, erhöht die Verlässlichkeit für den Konsumenten und vereinfacht den weltweiten Warenaustausch. Ohne Normen ließen sich beispielsweise keine Schiffscontainer aus Asien so einfach auf deutsche Bahnwaggons hieven.

Auf 15 Milliarden Euro jährlich beziffern Experten der TU Berlin den gesamtwirtschaftlichen Nutzen, der allein Deutschland daraus erwächst. Jedes noch so kleine Detail wird vermessen und genormt. Selbst der Abstand der Stäbe auf einem Grillrost darf laut DIN EN 18601 maximal 20 Millimeter betragen, damit kein Würstchen in die Glut fällt. Und auch die Borsten einer Zahnbürste unterliegen nach der Norm DIN EN ISO 20126 einem echten Härtetest. Sie müssen einem Zug von 15 Newton widerstehen (das entspricht einer Gewichtskraft von 1,5 Kilogramm), damit die Borsten nicht ausfallen und möglicherweise verschluckt werden. Getestet wird das übrigens mit der sogenannten „Büschelauszugsprüfung“.

Ein sich hartnäckig haltender Mythos ist allerdings die Behauptung, dass auch Gurken genormt seien. In dieser Beziehung gab es lediglich mal eine zwischen 1988 und 2009 gültige EU Verordnung für die Handelsklasse Extra. Danach sollte das Gemüse „praktisch gerade“ sein und „maximal eine Krümmung von zehn Millimetern auf zehn Zentimeter Länge“ aufweisen. Mittlerweile ist die Verordnung außer Kraft gesetzt.

© Serge Bloch

70 Jahre D-Mark

Haste mal 'ne Mark

Am 20. April 1948 fährt vor einem unscheinbaren Bürogebäude in Bad Homburg ein Bus vor. Bewacht von amerikanischen Soldaten und mit Milchglasscheiben abgedeckt, um die Insassen vor neugierigen Blicken zu schützen. Zehn Mitglieder der „Sonderstelle für Geld und Kredit“, steigen ein und im ehemaligen Fliegerhorst Rothwesten bei Kassel wieder aus. Dort sitzen sie mit Amerikanern, Briten und Franzosen zusammen, um über den endgültigen Entwurf einer Währungsreform zu beraten.

Das Resultat ist die D-Mark, die jeder Deutsche ein paar Monate später erhält und die schon sehr bald zum Symbol des neuen Wirtschaftswunders avancieren soll. 40 Mark „Kopfgeld“, ausgegeben am 21. Juni 1948, bekommt jeder in die Hand, noch bevor die Bundesrepublik ein knappes Jahr später gegründet wird. Die Auslagen in den Geschäften, tags zuvor noch öde und leer, füllen sich quasi über Nacht. Mit Wurst und Schinken, Kleidern und Schuhen. Für 100 Reichsmark auf ihrem Sparkonto erhalten die Deutschen 6,50 D-Mark. Der Rest wird geschreddert und vernichtet.

Aber natürlich hat nicht jeder die Stunde null gleich erlebt. Aus den 40 D-Mark Startguthaben hat sich nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung heute folgende Vermögensverteilung entwickelt: Die reichsten fünf Prozent besitzen demnach 51,1 Prozent des gesamten Vermögens. Bei den Allerreichsten, das sind lediglich 0,001 Prozent der Bevölkerung, verfügen etwa 400 Haushalte über doppelt so viel Geld wie die etwa 20 Millionen Haushalte, die als ärmerer Teil Deutschlands gelten. Unabhängig davon ist die D-Mark in den Köpfen aller, auch 16 Jahre nach Einführung des Euro, noch sehr präsent. Fast 38 Prozent der Deutschen rechnen nach einer repräsentativen Umfrage der Postbank bei größeren Anschaffungen noch regelmäßig in D-Mark um, bei den über 50-Jährigen sogar jeder Zweite.

Scheine der alten Währung in Höhe von 5,91 Milliarden Mark und Münzen im Wert von 6,69 Milliarden horten die Deutschen nach Angaben der Deutschen Bundesbank übrigens bis heute. Der Umtausch in Euro (zum Kurs von 0,5113) ist bei ihr zeitlich unbegrenzt möglich – natürlich für reich und arm.

© Serge Bloch

30 Jahre DAX

Ein Deutscher mit Migrationshintergrund

Perfektes Timing sieht anders aus: Ausgerechnet zu seinem dreißigsten Geburtstag meldet sich der Dax schlecht gelaunt aus dem Wochenende zurück. Minus 160 Punkte stehen zur Eröffnung am 2. Juli auf der Anzeigetafel – trotz der Torte aus Buttercreme und Erdbeeren, die Börsenchef Theodor Weimer für den Festakt spendiert hat. Aber was soll’s. Zum runden Jubiläum darf sich auch ein Dax mal daneben benehmen – vor allem, wenn sein Auftritt ansonsten relativ makellos erscheint.

Gestartet am 1. Juli 1988 mit 1.163 Punkten, steht der Index heute bei 12.246 Punkten und repräsentiert als Synonym deutscher Wirtschaftskraft einen Börsenwert von knapp 1.200 Milliarden Euro (Stand: Ende September 2018). Mehr als 90 Prozent der Bundesbürger kennen das Börsenbarometer, ein Bekanntheitsgrad auf der Höhe von Aldi oder CocaCola. Aber seine Popularität ändert nichts an der Tatsache, dass nur die wenigsten Privathaushalte auch Anteile an dem Index halten. Aktuell gerade mal elf Prozent.

Der Dax, er ist ein Deutscher mit Migrationshintergrund: Mindestens 53,7 Prozent aller Aktien, bilanzieren die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young, gehörten Ende 2017 ausländischen Investoren, an erster Stelle der US Fondsgesellschaft BlackRock, dem größten Vermögensverwalter der Welt und mit rund 72 Milliarden Dollar Anteilsbesitz auch der heimliche Herrscher im deutschen Leitindex. Dabei hätte etwas mehr Engagement auch für den deutschen Kleinanleger durchaus Sinn gemacht. Wer am ersten Handelstag 100 Euro investierte, ließ die BildZeitung zum Dax-Geburtstag berechnen, wäre 30 Jahre später um gut 900 Euro reicher gewesen. Mit Aktien von BMW hätte sich das Kapital sogar mehr als verzwanzigfacht.

Theoretisch zumindest. Denn weil der Konjunktiv, dieses ständige Hätte, Wäre und Könnte, nun mal die ewige Begleitmelodie zum Geschehen an der Börse spielt, sind auch Gewinn und Verlust davon abhängig, wer zu welchem Zeitpunkt ein- oder aussteigt. 43,94 Prozent Minus verzeichneten die Anleger im Börsenjahr 2002, dem schlechtesten seit Start des Dax. Mit 47,11 Prozent Plus schloss das Fieberbarometer hingegen das Jahr 1997 ab, das beste Ergebnis in seiner dreißigjährigen Geschichte. Unterm Strich, also über die gesamte Laufzeit seit 1988 betrachtet, ist die Dax-Bilanz mit einer Durchschnittsrendite von 8,3 Prozent jährlich ziemlich beeindruckend.

Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Deutschlands wichtigstes Börsenbarometer, das bleibt oft unerwähnt, ist im Gegensatz zum amerikanischen Dow Jones ein PerformanceIndex, der nicht nur die Kursentwicklung widerspiegelt, sondern auch die jeweils ausgeschütteten Dividenden in voller Höhe mit einbezieht. Also nicht nur die Zukunftserwartungen der Investoren abbildet, sondern auch die glorreiche Vergangenheit der Unternehmen feiert.

Ohne Dividendenausschüttung und das das „Financial Engineering“ der Vorstände stände der Dax aktuell nicht bei rund 12.000, sondern nur bei etwa 6.000 Punkten. Und die jährliche Durchschnittsrendite würde sich von 8,3 auf dann nur noch 5,66 Prozent reduzieren. „Das ist das Schöne am Kapitalismus“, kommentiert Ex-HandelsblattHerausgeber Gabor Steingart in seinem MorningBriefing auf Twitter zum Dax-Geburtstag.„Man kann alles kaufen, auch die Wirklichkeit." Nun ja, ein bisschen zumindest.

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20 Jahre Google

Fly me to the moon

Neben dem ersten Porsche feierten so einige große Produktideen 2018 Geburtstag. Der Lego-Stein etwa, erfunden vom dänischen Tischlermeister Ole Kirk Christiansen, der ihn reich (quasi steinreich) machte, wurde vor 60 Jahren zum Patent angemeldet. Aber ein Jahrestag sticht unter allen anderen doch sehr deutlich hervor: der Geburtstag von Google.

Erst vor 20 Jahren von Lawrence („Larry“) Edward Page und Sergey Brin in einer Garage im kalifornischen Palo Alto gegründet, ist das inzwischen unter dem Konzernnamen Alphabet gelistete Unternehmen an der Wall Street heute mehr wert als die Hälfte aller Dax30-Unternehmen zusammengenommen. Wir googeln Begriffe, die wir nicht kennen. Wir navigieren zu Orten, an denen wir nie zuvor waren. Und wir lassen uns von Google auch gerne übersetzen was wir im Original nicht lesen können. Nichts, wirklich rein gar nichts, regiert unsere Welt so sehr wie diese Such- und Suchtmaschine mit dem bunten Gekritzel über dem Feld für die Sucheingabe.

Jede Minute beantwortet die Website vier Millionen Anfragen weltweit. Völlig kostenlos – nur bezahlt mit den persönlichen Daten der Nutzer und natürlich auch mit ein bisschen Werbung, die dem Internetgiganten 2017 bei einem Umsatz von 110,8 Milliarden Dollar einen überaus stolzen Gewinn von 12,66 Milliarden Dollar bescherte. Kosten verzeichnet der Konzern natürlich auch. Darunter einen Posten für Strafzahlungen, den die EU erst jüngst wegen missbräuchlicher Marktmacht verhängt hat, gegen den sich Google gerichtlich jetzt zur Wehr setzt. 4,34 Milliarden Euro sollen die Amerikaner demnach zahlen – die höchste Kartellstrafe aus Brüssel, zu der ein Unternehmen jemals verurteilt wurde.

Und auch der Energieverbrauch geht mächtig ins Geld. 5,7 Terawattstunden Strom jährlich saugen die Datenzentren von Google ab – fast so viel, wie die 870.000 Einwohner-Stadt San Francisco nahe dem Konzernsitz in Mountain View. Und das ist nur ein Bruchteil dessen, was das Surfen, Suchen und Streamen im Netz insgesamt kostet. Wäre das Internet ein Land, das haben Experten der Umweltorganisation Greenpeace in einer Studie mal vorgerechnet, stände diese virtuelle Nation beim Stromverbrauch weltweit an sechster Stelle, noch vor Ländern wie Russland, Deutschland oder Brasilien. Die einzelne Google-Abfrage (Energieverbrauch laut Konzernangaben: 0,0003 Kilowattstunden) fällt dabei kaum ins Gewicht. Die Rechenleistung allerdings, die dahintersteckt, ist gewaltig. Sie verschlingt mehr Computer-Power als alle Raumfahrtmissionen des Apollo-Programms zusammengenommen. Mit anderen Worten: Das Wort „Mondlandung“ zu googeln, ist rechenaufwendiger als die Leistung, die es brauchte, damit Neil Armstrong seinen ersten Schritt auf dem Mond wagen konnte, der bekanntlich ja ein sehr großer für die Menschheit war.

Ist das jetzt wirklich Fortschritt?“, fragt ein anonymer Nutzer die Community auf dem Internet-Portal Consultdomain.de. Um dann selbst die Antwort zu geben: „Vor 40 Jahren konnte man 400.000 Mann elf Jahre und 17 Missionen lang beschäftigen, um dann zwölf Mann zum Mond zu schicken. Heute braucht man die gleiche Rechenleistung, um John Doe ein organisches Suchergebnis und 25 Werbelinks anzeigen zu können.“ Das ist bestimmt richtig, aber ohne Google wäre auch diese Meinung wohl niemals bekannt geworden.

© Serge Bloch

20 Jahre EZB

Bankfurt am Main

Das wohl stillste Jubiläum des Jahres ging am 1. Juni in Frankfurt über die Bühne, in der Sonnemannstraße 20. Ohne großen Tusch, ohne großen Empfang und auch ohne überlieferte Festansprache des Chefs. Offenbar hatte keiner so richtig Lust auf die ganz große Sause. Denn 20 Jahre Europäische Zentralbank (EZB), das sind fast zehn Jahre im Krisenmodus. Zwar stellen die Ökonomen den Währungshütern ein durchaus wohlwollendes Zeugnis aus – als tapfere Feuerwehrtruppe, die den drohenden Flächenbrand nach Ausbruch der Finanzmarktkrise gelöscht hat und die Preiswertstabilität des Euro über die vergangenen beiden Jahrzehnten noch unter den Inflationsraten zu D-Mark-Zeiten hielt – doch Sorgen bereitet den Beobachtern die bis heute ausufernde Staats–Finanzierung unter ihrem dritten Präsidenten Mario Draghi.

„Whatever it takes!“, sagte der Italiener am 26. Juli 2012 auf dem Höhepunkt der EuroKrise – nur drei Worte, aber die wohl größte Put-Option, die ein Mann jemals ausgelöst hat. Augenblicklich gingen damals die Kreditkosten für Not leidende Länder wie Spanien oder Italien zurück und die Gemeinschaftswährung war erst einmal gerettet. Allerdings zu einem sehr hohen Preis. Voraussichtlich 2,6 Billionen Euro wird die EZB bis Ende 2018 für ihre Anleihekäufe ausgegeben haben. Schon heute beläuft sich die Bilanzsumme der europäischen Notenbank auf 4,6 Billionen Euro, fast sieben Mal mehr als bei ihrem Start im Jahr 1998.

Und es fragt sich deshalb, ob die angehäuften Hypotheken wohl jemals zurückgezahlt werden. Von Italien vielleicht am allerwenigsten, wenn es seinen Kurs unter den regierenden Populisten aus Lega Nord und Fünf-Sterne-Bewegung beibehält – mit einem garantierten Grundeinkommen für die Bevölkerung, großzügigen Steuererleichterungen und einer Absenkung des Renteneintrittsalters. Viele zusätzliche Milliarden Euro würde das Programm kosten, bei einer Staatsverschuldung, die in Italien bereits heute gut 130² Prozent des Bruttoinlandsprodukts beträgt, neben Griechenland (180 Prozent) absolute Spitze in Europa.

Der nächste Präsident der EZB oder auch ihre Präsidentin, wenn Mario Draghis Amtszeit wie geplant im Oktober 2019 endet, wird es deshalb nicht leicht haben. Ziemlich genau zehn Jahre nach der spektakulären Pleite von Lehman Brothers 2008, mit der die Krise ihren Anfang nahm, muss die EZB nun langsam einen Weg zur Normalität zurück finden. Ohne Geldfluten und mit Zinsen, die das Sparen wieder lohnenswert machen. Von Christine Lagarde, der Chefin des internationalen Währungsfonds (IWF), neben Bundesbanker Jens Weidmann und noch ein paar weiteren Kandidaten, eine der ernst zu nehmenden Anwärterinnen für den Job in der Sonnemannstraße 20 stammt übrigens der Satz, dass sich mit „Lehmann Sisters“ das ganze Schlamassel erst gar nicht ereignet hätte. Mal schauen, ob die Französin auf Dauer damit recht behält.

© Serge Bloch

50 Jahre Geldautomat

Cash und Carry

Die vielleicht nützlichste Revolution in der Finanzbranche startet in einer Kleinstadt am Neckar. Am 27. Mai 1968 bei der Kreissparkasse in Tübingen. An diesem Tag dürfen sich 1.000 ausgewählte Kunden erstmals am „Bankomaten“ bedienen – mit einem Doppelbartschlüssel für den Tresor, einer Plastikkarte zur Identifikation und einer Lochkarte als Auszahlungsbeleg für die abgehobenen Banknoten. Heute sind rund 60.000 Geldautomaten von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen im Einsatz. Tag für Tag zahlen sie rund eine Milliarde Euro an die Bundesbürger aus, im Schnitt 248 Euro bei jeder Abhebung. Und es sieht ganz danach aus, als würden die Cash-and-carry-Automaten ihren Betrieb noch für längere Zeit aufrechterhalten müssen. Denn anders als im europäischen Ausland lieben die Deutschen ihr Bargeld über alles. 88 Prozent wollen ihre Rechnungen nach einer repräsentativen Umfrage der Bundesbank auch künftig aus dem Portemonnaie bezahlen. Und zwar in voller Höhe. Während in Ländern wie Italien, Spanien oder Frankreich längst eine Obergrenze für Bargeldzahlungen gilt – gestaffelt für In- und Ausländer, mal in Höhe von 1.000 oder auch 10.000 Euro, um die Geldwäsche zu unterbinden –, hat das Bundesfinanzministerium jüngst bekannt gegeben, dass es solche Grenzen in Deutschland auf absehbare Zeit nicht geben wird. Zwar mögen die Manager vom Bezahldienstleister Wirecard, erst jüngst in den Dax aufgestiegen, recht damit behalten, wenn sie prognostizieren, dass künftig immer mehr Zahlungen über das Handy abgewickelt werden, aber noch ist es nicht so weit. 103 Euro tragen die Deutschen durchschnittlich in bar bei sich. Und wenn ihnen das nicht reicht, finden sie den nächsten Geldautomaten in ihrer Nähe unter der Website girocard.eu.