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Sagen Sie mal, Frau Bentele … sehen Blinde Dinge klarer?

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Das gilt aber nicht für Verena Bentele. Ihr Erfolgsrezept lautet genau andersherum. Wir sprachen mit der ehemaligen Spitzensportlerin und heutigen VdK-Präsidentin über Gerechtigkeit, ihr Leben als Blinde – und Witze über Behinderte. Von Thomas Bundschuh

© Elias Hassos

Das Multitalent

Verena Bentele, 37, ist seit Mai 2018 Präsidentin des VdK, mit knapp zwei Millionen Mitgliedern der größte Sozialverband in Deutschland. Zuvor war sie vier Jahre lang Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Bentele ist von Geburt an blind, was sie aber nicht daran hinderte, eine der erfolgreichsten Biathletinnen und Skilangläuferinnen des Landes zu werden. Sie ist vierfache Weltmeisterin und hat bei den Paralympics zwölfmal Gold gewonnen. Darüber hinaus ist die studierte Germanistin und Buchautorin heute eine gefragte Top-Speakerin auf Kongressen und coacht Führungskräfte zu den Themen Motivation und Teambildung.

Ich habe mich nie davon abhalten lassen, dass mir Menschen nichts zutrauen. Ich wollte die Dinge immer selbst in die Hand nehmen.
VdK-Präsidentin Verena Bentele

Sagen Sie mal, Frau Bentele … sehen Blinde Dinge klarer?

Als blinder Mensch bin ich nicht durch visuelle Reize abgelenkt, und das hilft manchmal tatsächlich für mehr Durchblick. Ich höre Menschen sehr genau zu, spüre Stimmungen und ihre Nuancen. Ich bin also konzentrierter und fokussierter, da es weniger visuelle Ablenkungen gibt.

Sie sind von Geburt an blind und Sie sind eine Frau. Provokativ gefragt: Wie haben Sie es dennoch geschafft, zu einer der erfolgreichsten Wintersportlerinnen zu werden und heute einen Verband mit knapp zwei Millionen Mitgliedern zu führen?

Ich habe mich nie davon abhalten lassen, dass mir Menschen nichts zutrauen. Ich wollte immer selbst die Dinge in die Hand nehmen, lieber retten als gerettet werden. Außerdem hatte ich immer sehr klare Zielvorstellungen. Diese zwei Dinge, gepaart mit viel Ausdauer, Durchsetzungsvermögen und der Lust an Herausforderungen, sind für mich immer eine gute Strategie gewesen. Als Kind haben viele Leute zu mir gesagt, es ist ja furchtbar, dass du nichts siehst. Ich bin also damit aufgewachsen, dass mein Leben offenbar furchtbar sein muss, als Blinde, als Frau und noch dazu blond. Aber Spaß beiseite: Es ist tatsächlich nach wie vor so, dass ich aus all diesen Gründen mehr als andere um meinen Platz auf der großen Bühne kämpfen muss. Aber da ich in der Sportlerwelt sozialisiert wurde, kann ich mit dieser Herausforderung gut umgehen.

Sehen Sie sich dabei auch als eine Vorkämpferin für starke Frauen in unserer Gesellschaft?

Vor 100 Jahren haben Frauen noch für das Wahlrecht gekämpft. Seitdem hat sich zwar einiges getan, aber noch immer nicht genug. Ja, ich bin davon überzeugt, dass ich mit meiner Biografie und meinem Durchsetzungsvermögen einen wichtigen Beitrag für noch mehr starke Frauen in unserer Gesellschaft leisten kann. Ich hoffe, dass meine Nichten, Patenkinder und viele junge Frauen und Mädchen in den kommenden Jahrzehnten nicht mehr so viele Probleme haben werden. Das ist für mich ein täglicher Antrieb, mich für mehr Gerechtigkeit einzusetzen.

Ist mehr Gerechtigkeit auch Ihre Parole als Präsidentin des VdK, des größten sozialpolitischen Verbands in Deutschland?

In einem Verband mit zwei Millionen Mitgliedern habe ich viele Menschen hinter mir, mit denen ich als Rückendeckung auch vieles bewegen kann. Gerechtigkeit heißt für mich, dafür zu sorgen, dass Menschen Löhne bekommen, von denen sie leben und Renten ansparen können. Ein gerechtes Deutschland heißt für mich auch, dass wir umverteilen müssen, dass alle am Wohlstand beteiligt werden, nicht nur Großaktionäre. Derzeit leben 15 Prozent der Kinder in Deutschland in Armut. Das ist eine beschämende Zahl in einem reichen Land. Auch unser Bildungssystem ist nach wie vor zu undurchlässig. Die Herkunft von Menschen entscheidet noch immer viel zu stark darüber, welchen Schulabschluss oder welche Ausbildung ein Kind erhält. Und schließlich geht es mir um gute Bedingungen in der Pflege und darum, dass wir in einem barrierefreien Deutschland leben, in dem Menschen mit Behinderung teilhaben und sich frei bewegen können.

Trotz Behindertenquote scheuen viele Unternehmen davor zurück, Menschen mit Handicap einzustellen. Sind Behinderte weniger leistungsfähig?

Es ist ein großes Vorurteil, dass Menschen mit Behinderung weniger leistungsfähig wären. Sie benötigen nur die richtigen Rahmenbedingungen. Wenn ich als Blinde arbeitsfähig sein will, brauche ich einen Computer mit einer Software, damit ich alle Texte vorgelesen bekomme. Die Frage lautet also: Wie lässt sich Barrierefreiheit und damit Chancengleichheit herstellen? Denn nur so können Menschen mit Behinderung ihre Potenziale und Fähigkeiten voll ausschöpfen. Eine Beschäftigungsquote für Menschen mit Behinderung halte ich dennoch für extrem wichtig, um allen Menschen auf dem Arbeitsmarkt eine Chance zu geben. Langfristig gesehen, geht es allerdings darum, die Rahmenbedingungen für Menschen mit Behinderung insgesamt zu verbessern. Das betrifft immerhin 7,8 Millionen Menschen in Deutschland.

Als ehemalige Behindertenbeauftragte der Bundesregierung haben Sie Ende 2016 eine Schlichtungsstelle für Menschen mit Behinderung eingeführt. Was ist das genau?

Wenn Menschen mit Behinderung von Behörden des Bundes benachteiligt werden, können sie sich nun an diese Stelle wenden. Auf diesen Erfolg bin ich sehr stolz, weil durch diese neue Stelle ganz praktisch an Lösungen für mehr Barrierefreiheit gearbeitet wird. Eine solche Stelle ist auch für die Privatwirtschaft überfällig. Voraussetzung hierfür ist eine Gesetzesänderung, an der jetzt mein Nachfolger arbeitet, und ich bleibe natürlich auch als VdK-Präsidentin dran.

Blickt man auf Ihren bisherigen, äußerst erfolgreichen Lebenslauf, scheinen Sie selbst keine solche Schlichtungsstelle gebraucht zu haben. Wie lautet Ihr Erfolgsrezept?

Es lautet: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Das habe ich vor allem als Blinde im Sport gelernt. Beim Langlaufen musste ich mich zu 100 Prozent auf die Ansagen meines Begleitläufers verlassen können. Auch wenn ich heute mit 70 Stundenkilometern hinten auf einem Tandem sitze, einen Berg hinunterrase und nichts sehe, vertraue ich voll und ganz auf meinen Vordermann. Vertrauen bedeutet für mich, sich auf andere einzulassen, Verantwortung zu teilen und gemeinsame Ziele zu haben. Aber Vertrauen heißt für mich auch, an die eigenen Stärken zu glauben.

Was bedeutet Vertrauen für Mitarbeiter und Führungskräfte in Unternehmen?

Es bedeutet, die eigenen Produkte und Dienstleistungen den Kunden so offen und ehrlich zu erklären, dass Vertrauen entsteht. Vertrauen hat für mich drei letztlich wesentliche Aspekte: Verlässlichkeit, Transparenz und Offenheit. Das sind auch die entscheidenden Aspekte im Miteinander von Führungskräften und Mitarbeitern. Die Regeln des Umgangs müssen klar und transparent sein, und für alle sollten die gleichen Bedingungen gelten.

Das ist alles?

Noch nicht ganz. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist Teamarbeit. Wie kann man als Team zusammenwachsen, gut zusammenarbeiten und sich ergänzen? Das wird immer dann schwierig, wenn viele oder alle Teammitglieder unbedingt das Golden Goal schießen wollen. Es muss eben auch Leute geben, die im Tor stehen oder im Mittelfeld spielen. Ansonsten wird es nichts mit dem Teamerfolg. Darüber hinaus ist Zielorientierung äußerst wichtig. Ziele müssen klar definiert werden. Und damit meine ich nicht nur höhere Gewinne und bessere Vertriebsstrategien. Die gehören natürlich auch dazu. Aber für mich bedeutet Zielorientierung darüber hinaus, dass man an seine Ziele auch wirklich glaubt, Menschen für Visionen begeistern kann und sie vor allem gemeinsam erreichen will.

Wie haben Sie selbst Ihre neuen Ziele nach Ihrer Sportlerkarriere definiert? Die Zeit danach ist für viele Spitzensportler ja eine sehr schwierige Lebensphase.

Für mich war es stets ein großer Antrieb im Leben, Neues zu lernen. Nach dem Ende meiner Sportlerkarriere im Jahr 2011 war mir überhaupt nicht langweilig. Mein Studium der Germanistik hatte ich gerade beendet und ich startete eine Ausbildung zum Systemischen Coach. Gleichzeitig hielt ich zu dieser Zeit schon viele Vorträge und Seminare in Unternehmen. Auch meine sportlichen Ambitionen habe ich nicht aufgegeben, nur ging es nach der paralympischen Karriere eher um persönliche Bestzeiten im Laufen und Radeln, nicht mehr um Medaillen. Ich nahm an Langdistanzradrennen teil und bestieg den Kilimandscharo. Parallel dazu begann ich, politisch zu arbeiten, und wurde so auch im Jahr 2014 zur Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen berufen. Mir fiel die Zeit nach dem Sport also nicht schwer, da ich immer neue Herausforderungen suchte und auch fand. Ich kann nur jedem empfehlen: Wenn man eine Herausforderung beendet oder einen Lebensabschnitt abschließt, sind neue Ziele die beste Garantie für Zufriedenheit.

Eine sehr persönliche Frage: Bei Witzen über Blondinen oder Ostfriesen wird oft kräftig gelacht. Witze über Behinderte dagegen sind tabu. Darf man über Behinderte Witze machen?

Für uns in Deutschland sind Witze über Menschen mit Behinderung aufgrund unserer Geschichte ein sehr sensibles Thema. Menschen mit Behinderung waren früher oft ausgegrenzt, konnten kaum am Leben in der Gesellschaft teilhaben. Sie waren in getrennten Schulen und arbeiteten in Werkstätten für behinderte Menschen. Diese waren oft außerhalb der Ortschaften. Noch heute ist ein selbstverständliches Miteinander oft schwierig und das Wort „Behinderung“ wird leider oft als Schimpfwort benutzt. Witze sind immer dann erlaubt, wenn Respekt und Achtung nicht auf der Strecke bleiben und wenn man vor allem auch über sich selbst lachen kann. Ich persönlich mag Humor als Brücke zwischen Menschen sehr gern.

Wie lautet Ihr Lebensmotto?

Mein Lebensmotto lautet: Augen zu und durch. Was nicht heißt, dass ich die Augen verschließe, sondern einfach losgehe und die Dinge anpacke, ich nehme es mit allen Hindernissen auf. Ich bin nicht der Typ, der lange überlegt: Kann ich das? Traue ich mir das zu? Ist es überhaupt möglich? Stattdessen lege ich lieber los. Weil ich Grenzen nicht als definitiv ansehe und weil ich Neues erfahren und erleben will.

Die Spitzen-Sportlerin

Verena Bentele kennt kaum Grenzen. Hier ein paar ihrer Erfolge:

12 Gold-, zwei Silber- und zwei Bronzemedaillen
holte Verena Bentele bei ihren vier Paralympics-Teilnahmen. Hinzu kommen etliche Weltmeisterschaftsmedaillen.

543 Kilometer am Stück
absolvierte sie beim Radmarathon Trondheim–Oslo, ohne zu schlafen. Dreimal startete sie dort.

5.895 Höhenmeter
bezwang Bentele, um den Kilimandscharo zu besteigen. 4.500 Höhenmeter waren es beim Mount Meru, den sie als erste Blinde eroberte.

125 Meter
stürzte sie sich beim Base Flying in die Tiefe. Eine Alpenüberquerung per Rad meisterte sie auch noch mit gebrochenem Arm.

60 Meter
lief sie beim House Running von der Dachkante senkrecht nach unten, nur gesichert von einem Seil.