BayernLB

Von Teamspirit und Schallgeschwindigkeit

An der TU München forschen junge Wissenschaftler an einem Transportsystem der Zukunft. Die BayernLB unterstützt das internationale Hyperloop-Team als Sponsor bei der Entwicklung eines Prototyps. Wir sprachen mit zwei Verantwortlichen aus dem Projektteam unter anderem über Mobilität der Zukunft, über Motivation und über die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft. Von Ute Klein

Die Strecke München-Berlin in 30 Minuten. Fast mit Schallgeschwindigkeit reisen. Das soll der Hyperloop möglich machen – ein Transportsystem, bei dem ein Hochgeschwindigkeitszug in einer Röhre mit Teilvakuum rast. Eine Art Rohrpost im Großformat. Wie das realisiert werden kann, erforschen junge Wissenschaftler der Technischen Universität München. Und weisen erste Erfolge vor. In der von der Firma SpaceX des umtriebigen Unternehmers und Tesla-Gründers Elon Musk ausgelobten „Hyperloop Pod Competition“ stellen Teams aus der ganzen Welt ihre Konzepte für den sogenannten Pod vor – die Kabinenkapsel, in der Waren und später auch Passagiere durch die Röhre transportiert werden sollen. Zum vierten Mal in Folge konnte das Team der TUM den Sieg davontragen und damit jedes Mal den schnellsten Pod präsentieren. Mit einer Maximalgeschwindigkeit von 482 Stundenkilometern raste der Pod des Hyperloop-Teams in Los Angeles durch die Teströhre auf dem Firmengelände von SpaceX. Und schlug damit den eigenen Weltrekord von 2018 um 15 km/h. Mit dabei: Sandra Ter aus dem Business Team, zuständig fürs Sponsoring, und Sofía Ramírez Bernini, die Leiterin der Power Supply Einheit.

Wir unterstützen die Entwicklung von zukünftigen Mobilitätslösungen, denn Finanzierungen zu Infrastruktur und Mobilität zählen zu unseren Kernkompetenzen. Darüber hinaus begeistert uns die interdisziplinäre Zusammenarbeit von TUM Hyperloop. Wir freuen uns, dass wir uns nicht nur für das Zukunftsprojekt, sondern gleichzeitig auch für unsere Heimatregion engagieren können.
Dr. Christoph Fischer, Bereichsleiter Global Structured and Trade Finance der BayernLB

Sofía Ramírez Bernini (li) und Sandra Ter (re) gehören zum internationalen Hyperloop Team der TU München

© Tobias Hase

Frau Ter, Frau Ramírez, vier Rennen, vier Siege, davon drei Weltrekorde. Weckt das den Ehrgeiz? Oder lehnt man sich schon mal entspannt zurück?

Sofía Ramírez (SR): Jede Competition ist eine Herausforderung. Und es geht nicht nur darum, besser zu sein als die anderen, sondern besser zu sein als wir selber. Das ist für uns die größte Herausforderung und der größte Ansporn. Bisher haben wir jedes Jahr unseren alten Weltrekord geschlagen. Das ist das Minimum-Ziel. Das hält uns motiviert.

Wann werden wir mit Schallgeschwindigkeit von Ort zu Ort rasen?

Sandra Ter (ST): Das Potential des Hyperloop sehen wir vorerst bei der Fracht. Der erste Einsatz eines Hyperloop wird sich wohl auf die Logistik-Branche beziehen. Das können wir uns tatsächlich in zehn bis 15 Jahren vorstellen. Die Technik ist ja da. Man muss es nur umsetzen. Aber wie – und mit welchem finanziellen Aufwand – daran forschen wir. Ein großes Problem ist zum Beispiel das Vakuum in der Röhre. Die Hyperloop Technologie ist auf Mittelstrecke ausgelegt, wo man deutliche Vorteile gegenüber Zug oder LKW realisieren kann. Aber wie kann sichergestellt werden, dass über die ganze Strecke z.B. von Hamburg nach München das Vakuum bleibt. Hier Lösungen zu finden, das ist jetzt die Herausforderung - auch unter Kostengesichtspunkten.

SR: Eine weitere große Herausforderung ist die Infrastruktur. Wo verläuft die Strecke? Unterirdisch? Parallel zu Zugstrecken? Bis das gelöst ist, vergehen wahrscheinlich noch einige Jahre. Ohne passende Rahmenbedingungen kann man keine Schallgeschwindigkeit fahren.

Welche Bedeutung hat denn die Hyperloop-Technologie für die Mobilität der Zukunft?

SR: Hyperloop ist ein Innovationstreiber. Es beschäftigen sich mehr Menschen mit diesen innovativen Ideen, viele Firmen haben das Thema aufgegriffen. Neben der reinen Technik oder Umsetzung hat ein Mind Changing in Bezug auf Mobilität stattgefunden. Die Hyperloop-Technologie hat viel Aufmerksamkeit geschaffen. Mobilität der Zukunft ist in den Fokus gerückt.

ST: Genau. Anfangs mussten wir noch erklären, was Hyperloop überhaupt ist. Heute erklären wir, wie unser Prototyp funktioniert, was wir erreichen wollen.

2019 lag der Schwerpunkt bei der Competition noch auf Geschwindigkeit. Gibt es Überlegungen, den Schwerpunkt in Zukunft anders zu setzen?

ST: Bei der Competition geht es nur um Schnelligkeit. Da geht es nicht darum etwas komplett Neues zu bauen oder um disruptive Innovation. In Bezug auf Schnelligkeit haben wir gesehen, dass sich unser bisheriges Konzept bewährt hat. Aber der Prototyp wird natürlich ständig verbessert. So hat Sofias Team die Startkraft immens erhöhen können.

SR: Ja, wir haben zum Beispiel viel am Power Supply System geändert. Wir haben zum ersten Mal unsere Battery Packs selber gebaut, d.h. die Zellen gekauft und zusammengebaut. Außerdem hatten wir zum ersten Mal ein Batterymanagementsystem, um unsere Zellspannungen zu überwachen. Es gab also viele Änderungen in diesem für den Pod sehr wichtigen Subsystem. Das Ergebnis ist ein deutlich höheres Leistungsgewicht Verhältnis. So wenig Gewicht wie nötig, und so viel Leistung wie möglich. Da werden wir von Mal zu Mal besser.

ST: Neben der Geschwindigkeit schauen wir auch auf Aspekte wie Machbarkeit, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit. Beispielsweise hat unser Research-Team den Research-Pod mit funktionierendem Schwebesystem und dem dazugehörigen Röhrensystem entwickelt. Das konnten wir vor kurzem dem bayerischen Ministerpräsidenten vorstellen, als er hier an der TU war.

Weiterentwicklung: am Research-Pod werden Aspekte wie Machbarkeit, Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit weiter erforscht

© Tobias Hase

Welches war die größte Herausforderung beim diesjährigen Wettbewerb?

SR: Neue Ziele umsetzen und erfolgreich sein – das ist die Technikseite. In Bezug auf das Team mussten wir so viele neue Teammitglieder integrieren wie noch nie. Denn die „alten“ Teammitglieder hatten zum Teil über Jahre immens viel Zeit in das Hyperloop-Projekt investiert und mussten aufhören, weil Master- oder Bachelorarbeit anstanden. Aber sie haben ihre Erfahrung und ihr Wissen als Advisors im Projekt weitergegeben. Ähnlich einem Paten.

Was haben Sie aus der Competition 2019 gelernt?

SR: Ein inspiriertes und motiviertes Team kann auch nach vier Jahren noch ziemlich weit gehen. Selbst wenn viele neue Mitglieder dabei sind.

ST: Für mich war auch eine Learning, dass man motiviert bleiben muss. Mittendrin aufhören geht nicht. Man muss einfach am Ball bleiben. Und Zeitmanagement ist ganz wichtig. Zeit ist ein Faktor, den man nicht unterschätzen darf. Es hat schon alles gut funktioniert. Aber: Besser geht immer!

Vor wenigen Wochen, im Oktober, begann das Recruiting für die Hyperloop Pod Competition 2020. Wie finden Sie Ihre Teammitglieder?

ST: Wir schreiben die Stellen über einen Facebook Post aus. Bewerben kann man sich über diverse Kanäle: LinkedIn, Facebook, E-Mail. Dann schauen wir uns die Unterlagen an vor dem Hintergrund: Wer könnte zum Team passen? Welche Funktion suchen wir? Wer hat die entsprechenden Qualifikation? Wer auf unser Profil passt, wird zum Gespräch eingeladen.

SR: Nach den Interviews wählen wir aus, wer am besten passt. Abhängig davon, wie viel Zeit er oder sie hat und investieren will, wie motiviert sie sind. Manchmal ist viel Zeit mehr wert als viel Erfahrung.

ST: Wir sind ja alle eingeschriebene Studenten, die ein Vollzeit-Studium an der TU absolvieren. Und on Top arbeiten wir im Projekt.

SR: Mache arbeiten zu bestimmten Zeiten mehr, zu anderen weniger. Aber das Kernteam … wir waren mehr als Vollzeit da. Tag und Nacht.

Wie groß ist das Team und aus welchen Fachrichtungen setzt es sich zusammen?

ST: 2019 hatte das Projektteam 50 Mitglieder, aus 22 Nationen – deshalb ist unsere teaminterne Sprache auch Englisch.

SR: Aufgestellt ist das Projektteam sehr interdisziplinär. Informatiker, Physiker, Elektrotechniker, Maschinenbauer, Betriebswirtschaftler … es gibt alles. Und das brauchen wir, um unseren Pod zu bauen. Wir brauchen Hardware, Software, Elektronik, Maschinenbau. Dazu kommen die Leute, die uns fürs Business unterstützen. Mit allen Events, mit dem Sponsoring.

Sofía Ramírez ist Physicist Engineer (Technische Physik) und arbeitet seit dem Start im Hyperloop Projekt mit. Sie ist Leiterin der Power Supply Unit.

© Tobias Hase

Was nehmen Sie aus der Arbeit im Projekt Hyperloop mit?

SR: Was mir am meisten gebracht hat war das Learnig by Doing. Und die Erkenntnis, was alles möglich ist – auch innerhalb eines begrenzten Zeitraumes –, wenn alle an einem Strang ziehen. Ohne so ein gutes Team wären wir nicht so weit gekommen. Alle sind sehr motiviert, alle haben das gleiche Ziel. Wir wollen schnell sein. Wir lieben das Projekt und geben alles dafür. Und nicht zuletzt macht es auch noch Spaß.

Sandra Ter studiert BWL und arbeitet seit einem Jahr im Hyperloop Projekt mit. Sie ist im Business Team u.a. für das Sponsoring verantwortlich

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ST: Da stimme ich Sofia zu. In diesem Projekt, mit diesem Team zu arbeiten, ist eine tolle Erfahrung. Hier gibt es nur: Probier dich aus. Wenn du es nicht hinkriegst, funktioniert das Projekt nicht. Da lernt man schnell. Natürlich gibt es auch Leute, die einem helfen, die man fragen kann. Aber man kriegt persönlich viel Verantwortung und wächst daran. Es wird einem mehr zugetraut, als man sich vielleicht selber zutraut und dadurch lernt man deutlich mehr.

Was trägt aus Ihrer Sicht wesentlich zum Erfolg Ihres Projektes bei?

SR: In erster Linie die Menschen, die hier mitarbeiten. Die Feuer und Flamme sind für das Projekt. Unsere persönliche Einstellung macht den Erfolg aus. Aber auch die Unterstützung, die wir erfahren, trägt dazu bei, etwa die der TU, deren Einrichtungen wir nutzen können.

ST: Auch die Zusammenarbeit mit den Sponsoring-Unternehmen. Dass Unternehmen hinter uns stehen, uns anfeuern, mit uns den Sieg feiern. Das spornt uns noch mehr an, noch mehr zu schaffen, mehr aus uns herauszuholen. Weil wir sehen, dass Leute an uns glauben. Das ist toll. Unterstützung und Anerkennung bekommen und trotzdem den eigenen Weg zu gehen.

Und wie profitieren Ihrer Meinung nach Unternehmen vom Sponsoring?

SR: Wir können ein Stück weit Begeisterung in ein Unternehmen tragen. Wir präsentieren was Neues, was Innovatives, dadurch haben Firmen auch Kontakt zu Innovationen.

ST: Wir sind ja mittlerweile auch sehr populär. Vor allem in den USA. Das hat für die Sponsoren natürlich auch den Vorteil, dass ihr Name mit uns in Verbindung gebracht wird. Und wir nennen ja auch unsere Sponsoren immer gerne. Denn ohne sie wäre ja unser Projekt gar nicht möglich. Publicity ist also ein Vorteil. Aber auch Recruiting funktioniert durch die Kooperation ganz gut. Wir hatten jetzt schon einige Studenten, die hier gearbeitet haben und jetzt bei einer Firma von unseren Sponsoren sind. Und dann natürlich – wie Sofia schon gesagt hat – die Insides von neuesten Entwicklungen. Durch den Kontakt mit uns sehen Firmen vielleicht auch, was die neue Generation mitbringt, wie die ticken, was die wollen. Das kriegt man durch den Austausch ja mit und durch das Einlassen auf was Neues. Das inspiriert.

Was können Unternehmen noch von Ihnen lernen?

SR: In Bezug auf die Technik zum Beispiel: Wir testen unsere Systeme bis zu ihren Grenzen. Und das ist für Unternehmen auch interessant. Auch bei ihren eigenen Produkten bis an die Grenzen zu gehen, zu schauen, was geht noch.

Teamwork: Im Makerspace der TUM arbeiten die jungen Wissenschaftlerinnen und ihre Teamkollegen Hand in Hand

© Tobias Hase

Kleine Randbemerkung

Einer Annekdote zufolge warnte 1835 ein Gutachten des bayerischen Obermedizinalkollegiums vor Reisen mit dem Zug. Durch die raschen Bewegungen würde bei den Passagieren eine geistige Unruhe, ein „Delirium furiosum“, hervorgerufen. Schon der Anblick einer Lokomotive, die in voller Schnelligkeit dahinrast, genüge, diese schreckliche Krankheit zu erzeugen. In voller Schnelligkeit bedeutete übrigens damals im Bestfall 60 Stundenkilometer. Die schaffte die „Adler“, die Lok der ersten deutschen Eisenbahn, die ab 1835 zwischen Nürnberg und Fürth verkehrte, bei Demonstrationsfahrten. Mit sechs bis neun angehängten Wagen lag die Geschwindigkeit bei 24 bis 30 Stundenkilometern. Heute wird an Zügen geforscht, die über 1.000 Stundenkilometer schnell fahren können. Was würden wohl die bayerischen Obermediziner sagen?