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Ist unsere Erde noch zu retten?

Ist persönlicher Verzicht die Lösung im Kampf gegen die Erderwärmung? Nein, sagt Klimawissenschaftler Anders Levermann - stattdessen sind Politik und Wirtschaft gefordert, entschlossen zu handeln. Ein Gespräch über die Zeit der Dinosaurier bis hin zur Fridays-for-Future-Bewegung. Von Thomas Bundschuh

© Dirk Bruniecki

Vermesser der Welt

Anders Levermann ist Professor für die Dynamik des Klimasystems am Institut für Physik der Universität Potsdam. Er forscht am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und an der Columbia University in New York. Der Klimawissenschaftler hat mehr als 110 Fachpublikationen veröffentlicht und ist Ko-Autor mehrerer Berichte des UN-Weltklimarats (IPCC), der im Jahr 2007 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Levermann berät Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Fragen des Klimawandels und mischt sich mit Zeitungsartikeln in der FAZ, dem Economist und dem Guardian in die öffentliche gesellschaftliche Debatte ein.

So wie wir uns an die Griechen als jene Menschen erinnern, die uns die Demokratie geschenkt haben, werden sich in 2.000 Jahren die Menschen an uns als diejenigen erinnern, die den Anstieg des Meeresspiegels verursacht haben.
Anders Levermann

Sagen Sie mal Herr Levermann ...ist unsere Erde noch zu retten?

Ja, wir können die Erde noch retten. Rein physikalisch betrachtet!

Wie steht es aktuell um unseren Planeten?

Wir Menschen haben durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas den CO2-Ausstoß in der Atmosphäre massiv ansteigen lassen. Dadurch hat sich die Temperatur in den vergangenen 100 Jahren bereits um 1,1 Grad Celsius erhöht. Es gibt immer wieder kurzfristige Schwankungen, aber der Trend ist eindeutig. Das hat starke Auswirkungen auf den Meeresspiegel. Die Ozeane werden wärmer. Wärmeres Wasser dehnt sich aus und braucht mehr Raum. Weltweit schmelzen außerdem die Gebirgsgletscher. Nahezu alle, es sind 97 Prozent, verlieren derzeit an Masse. Auch in der Arktis schwindet das Eis. Die dunklere Oberfläche der Ozeane absorbiert deshalb mehr Wärme und feuert so die Klimaerwärmung zusätzlich an. Die Folge: Der Meeresspiegel steigt.

Auf welche Höhe?

Bis zum Ende des Jahrhunderts erwarten wir einen Anstieg des Meeresspiegels um insgesamt etwa einen Meter. Die weitere Entwicklung hängt stark davon ab, wie viel CO2 wir noch ausstoßen werden. Eines ist heute schon sicher: Der Anstieg des Meeresspiegels wird uns noch auf Jahrtausende begleiten. So wie wir uns heute an die Griechen als jene Menschen erinnern, die uns die Demokratie geschenkt haben, werden sich die Menschen in 2000 Jahren an uns erinnern, die den Anstieg des Meeresspiegels verursacht haben.

Das Pariser Klimaabkommen aus dem Jahr 2015 verpflichtet die Staaten weltweit darauf, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Was würde ein Plus von zwei Grad Celsius für den Meeresspiegel bedeuten?

Pro Grad Erwärmung steigt der Meeresspiegel auf lange Sicht um zweieinhalb Meter. Das heißt: Selbst wenn wir das Pariser Klimaabkommen einhalten, wird der Meeresspiegel langfristig, also in Jahrhunderten, um fünf Meter weiter steigen. Küstenstädte wie Hamburg, Shanghai, Kalkutta, New York oder Hongkong bekommen dann massive Probleme. Bewährte Deiche gegen Sturmfluten könnten nicht mehr helfen.

Und was würde passieren, wenn wir uns nicht an das Zwei-Grad-Ziel halten?

Wenn wir das Zwei-Grad-Ziel ignorieren, wird die Temperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um 5 Grad steigen. Wir bewegen uns damit mit rasantem Tempo auf eine Heißzeit zu. Erdzeitgeschichtlich befinden wir uns schon seit etwa 100 Jahren in einer neuen Ära, dem Anthropozän. Der Begriff beschreibt, dass der Mensch selbst zur geologischen Kraft geworden ist, die das Klima maßgeblich verändert.

Was sind die Folgen?

Das wärmere Meerwasser führt beispielsweise dazu, dass Korallenriffe weltweit sterben. Selbst wenn wir das Pariser Klimaabkommen einhalten, werden in nur wenigen Jahren die meisten Korallenriffe wohl verloren sein. Wir beobachten außerdem eine Zunahme an Wetterextremen wie Überschwemmungen, Hitzeperioden und Dürren.

Das Klima hat sich doch auch schon früher immer wieder mal verändert. Es gab Eis- und Warmzeiten. Was waren früher die Ursachen dafür?

Früher hat nicht der Mensch, sondern etwa die Sonne die Klimaschwankungen verursacht. Durch die leicht gekippte Erdachse und die ellipsenförmige Umlaufbahn der Erde um die Sonne veränderte sich der Abstand der Planeten zueinander und damit auch die Intensität der Sonneneinstrahlung. Diese Schwankungen erfolgten etwa in einem 100.000-Jahre-Zyklus. Wenn wir noch weiter zurückblicken, bis zu den Dinosauriern, war auch damals das CO2 die Ursache für Klimaerwärmungen. Es war natürlich kein menschenverursachtes CO2, sondern ein Folgeprodukt von der Entstehung der Erde. Dieses CO2 lagerte sich über Jahrhunderte von Millionen Jahren in Form von Pflanzen im Boden als Öl, Gas und Kohle ab. Das bedeutet, salopp formuliert, wir holen heute die Dinosaurier wieder aus der Erde und verbrennen das Material. Deshalb wird es bei uns wieder so heiß wie bei den Dinosauriern, wenn wir nicht gegensteuern.

Könnte dieser 100.000-Jahre-Zyklus nicht den menschengemachten Klimawandel kompensieren?

Das wäre ein schöner Effekt. Aber leider lautet die Antwort: nein. Wir kennen die Erdbewegungen im Sonnensystem sehr gut. Und wir wissen deshalb, dass diese natürlichen Eiszeit-Zyklen die heutige menschengemachte Klimaerwärmung nicht kompensieren werden. Unsere derzeitige Warmzeit wird noch mehr als 30.000 Jahre anhalten. Bis dahin wäre ohnehin keine Eiszeit zu erwarten. Hinzu kommt, dass der Mensch mit seinem massiven CO2-Ausstoß die nächste Eiszeit wahrscheinlich schon heute verhindert hat. Das zeigt nochmals die Dimension unseres Handelns auf: Der Mensch verhindert als geologische Kraft sogar die erdzeitgeschichtlich vorbestimmten Eiszeiten.

Mitte September sagten Sie auf dem Ökonomics Investor Summit der BayernInvest: „Verzicht ist keine Lösung“. Was meinen Sie damit?

Es ist ohne Zweifel toll und sehr begrüßenswert, wenn jeder Einzelne etwas gegen die Erderwärmung tut. Beispielsweise weniger Auto fährt, weniger fliegt oder weniger Fleisch konsumiert. Der individuelle Verzicht ist gut und wichtig, wird das Ruder aber nicht herumreißen. Das ist Aufgabe der Politik und jeder Einzelne ist in der Verantwortung diese Wende immer wieder einzufordern.

Wie sieht dann Ihr Rettungsplan aus?

Die Herausforderung lautet nicht, dass wir den CO2-Ausstoß verringern, sondern wir müssen ihn auf Null reduzieren, um die Temperatur stabilisieren zu können. Das ist leider ein physikalischer Fakt und das erreichen wir nur durch neue Strukturen und durch die Art und Weise, wie wir künftig wirtschaften. Wir müssen erreichen, dass wir die Lösung des Klimaproblems auf politischer Ebene genauso ernst nehmen wie beispielsweise den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit ist seit 70 Jahren wahlentscheidend in Deutschland, aber niemals wird der Einzelne gefragt, was er persönlich dafür unternimmt, die Arbeitslosigkeit zu senken. Genauso sehe ich es beim Klimawandel. Entscheidend ist, dass wir unsere Wirtschaftsstrukturen grundlegend verändern, und das kann nur auf politischer Ebene erfolgen. Es ist äußerst wichtig, dass wir das Thema Klimawandel zentral in unsere Wahlentscheidung aufnehmen und Politiker auch daran messen, wie sie die Klimaerwärmung stoppen wollen. Nur wenn das passiert, haben wir eine reale Chance. Ich bin übrigens der festen Überzeugung, dass die Fridays for Future-Bewegung den Ausgang der jüngsten Europawahl sehr entscheidend beeinflusst hat.

Die demonstrierenden Schüler haben die Gesellschaft für das Thema emotionalisiert. Aber was muss jetzt konkret geschehen?

Mobilität, Stromerzeugung, Heizung, Kühlung, das Bauen – all das muss möglichst schnell CO2-frei werden. Wir müssen im Supermarkt einkaufen können, ohne uns Gedanken darüber zu machen, ob die Lebensmittel auch wirklich nachhaltig sind. Wir müssen uns in Zukunft darauf verlassen können, dass sie das sind. Im Bereich der urbanen Mobilität scheint mir der Elektroantrieb eine gute Lösung zu sein. Allerdings liegen wir hier in Deutschland noch sehr weit zurück. Wir müssen massiv in erneuerbare Energien investieren. Wichtig ist, dass dies europaweit geschieht, um Versorgungsschwankungen abfangen zu können. Das muss von der Politik mit einem Anreizsystem gefördert werden. Ich denke in dieser Hinsicht an den Emissionshandel oder eine CO2-Besteuerung. Beide Varianten erzielen die gleiche Wirkung. Kosten, die der Gesellschaft durch CO2 entstehen, werden so internalisiert.

Welche Branchen verursachen eigentlich die höchsten CO2-Emissionen?

Energie und Wärme verursachen weltweit rund 50 Prozent. Der Transport, also Individual- und Güterverkehr, rund 20 Prozent. Das Auto ist, entgegen der vorherrschenden Meinung, nicht der Hauptsündenbock. In Deutschland verursacht der Autoverkehr weniger als zehn Prozent der CO2-Emissionen.

Was droht der Wirtschaft, wenn die Wetterextreme weiter zunehmen?

Wir können nicht vorhersagen, wo uns die nächsten Einschläge treffen, aber sie werden definitiv mehr werden. Lager und Produktionsstätten können durch Extremwetterereignisse zerstört, Transportwege abgeschnitten werden. Wir haben am Potsdam-Institut für Klimaforschung ein ökonomisches Modell entwickelt, mit dem wir die Wetterextreme entlang der Versorgungsketten verfolgen können. Ein Haus würde man in diesem Modell verstärkt dämmen, um Hitzeund Kälteextreme im Innenraum auszugleichen. Ähnlich geht es bei Versorgungsketten der Industrie darum, Redundanzen in das System einzubauen, die gegen Extremereignisse schützen. Wird eine Versorgungslinie lahmgelegt, springt eine zweite ein.

Was halten Sie eigentlich von der Fridays for Future-Bewegung? Immerhin haben diese jungen Menschen die Gesellschaft innerhalb von nur einem Jahr stärker für den drohenden Klimawandel sensibilisiert als alle wissenschaftlichen Daten und Fakten der Vergangenheit.

Für jeden, der das Problem ernst nimmt, ist die Bewegung etwas sehr gutes. Die junge Gesellschaft ist diejenige, die das uneingeschränkte Recht hat, eine lebenswerte Zukunft zu fordern. Die Wissenschaft sagt, was dafür notwendig ist. Das sehe ich als ein erfreuliches Zusammenspiel für die Zukunft unseres Planeten. Denn unser Selbstverständnis als Klimaforscher ist nicht, zu demonstrieren, sondern in erster Linie Zusammenhänge zu erforschen und Daten sowie Fakten zu veröffentlichen. Die Klimaaktivisten der Fridays for Future-Bewegung hingegen tun gut daran, die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft aufzurütteln, um endlich Lösungen gegen die Klimaerwärmung umzusetzen. Wir haben es hier mit einer jungen Generation zu tun, die den Klimawandel voll erleben wird und es geschafft hat, dass dieses äußerst wichtige Thema endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Der Sänger Tim Bendzko textete einst „Mal kurz die Welt retten und noch 148 Mails checken“. Wie würden Sie den ersten Teil der Songzeile „Mal kurz die Welt retten und...“ vervollständigen?

… und dabei alle mitnehmen!