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Im Untergrund

Wie aus einem kleinen Ingenieurbüro in Baden-Württemberg der weltweit größte und renommierteste Hersteller für maschinelle Tunnelvortriebstechnik wurde. Von Martina Trapmann

SCHWERES GERÄT: Die Tunnelbohrmaschinen von Herrenknecht haben einen Durchmesser von bis zu 19 Metern.

© Thomas Emsting/Herrenknecht AG

Sie heißen Suse, Käthchen und Heidi. Das klingt nach Namen von Kinderbuch-Protagonistinnen. Doch dahinter verbergen sich in Wirklichkeit wahre Wuchtbrummen. Die Rede ist von Tunnelvortriebsmaschinen mit gigantischen Ausmaßen: mit bis zu 19 Metern Durchmesser, 5.000 Tonnen Gewicht und über 400 Metern Länge. Den letzten Rekorddurchmesser von 17,6 Metern erzielte der Weltmarktführer Herrenknecht AG 2015 für den Bau eines Autobahntunnels in Hongkong. Und dass diese gewaltigen Maschinen, die je nach Projekt und Anlass liebevoll mit Edelweiß, Blümchen oder dem Logo des Auftraggebers designt sind, ausschließlich weibliche Namen tragen, ist kein Zufall: Es ist eine Reverenz an die heilige Barbara, die Schutzpatronin der Bergleute, die ihre schützende Hand über die Bauprojekte halten soll.

Die Tunnelbauprojekte der Herrenknecht AG sind legendär und aufsehenerregend. Zum Beispiel der Gotthard- Basistunnel, mit 57 Kilometern der bisher längste Tunnel weltweit. Oder der Eurasien-Tunnel unter dem Bosporus, der Brennerbasistunnel mit 64 Kilometern Länge, der bis 2028 fertiggestellt sein soll. Oder Grand Paris Express – das größte Infrastrukturprojekt Europas. Die Referenzliste ist lang und besetzt mit Superlativen. „Made in Germany by Herrenknecht“ ist ein Gütesiegel, wenn es um große Bauvorhaben im Untergrund geht.

Es gibt weltweit kaum eine Metropole, die bei Mobilitätsprojekten wie U-Bahn-Bau oder Konstruktionen von unterirdischen Ver- und Entsorgungssystemen nicht schon auf das Know-how von Herrenknecht gesetzt hat. So unterschiedlich die Projekte sind, so unterschiedlich sind die Herausforderungen. Das weiß auch Michael Sprang, CFO der Herrenknecht AG. „Es geht darum, Lösungen zu finden und immer wieder die Machbarkeitsgrenzen zu überschreiten“, sagt er.

DER DURCHBLICK: Michael Sprang, Jahrgang 1978, ist CFO und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Herrenknecht AG.

© Eric Vazzoler

Die Erfolgsgeschichte beginnt 1977 mit der Idee von Martin Herrenknecht, die Tunnelvortriebstechnologie in bis dahin ungeahntem Ausmaß weiterzuentwickeln. Zuvor hat der Diplom- und Konstruktionsingenieur erste Erfahrungen im Tunnelbau in der Schweiz gemacht. Mit einem Startkapital von 25.000 DM, das er sich von seiner Mutter leiht, eröffnet Martin Herrenknecht ein Ingenieurbüro im beschaulichen Schwanau-Allmannsweier im Badischen. Ohne Referenzen, ohne Prototypen, aber mit der Vision, Tunnelbohrmaschinen zu konstruieren, die das Unmögliche möglich machen, geht Martin Herrenknecht an den Start.

Es dauert eineinhalb Jahre, bis der Unternehmer den ersten Prototypen entwickelt hat. Er leistet damit Pionierarbeit und akquiriert schon bald die ersten Kunden. Die Vortriebsmaschinen MH1 bis MH3 werden in den 1980er Jahren zum Bestseller, und das Start-up ist damit schnell bei einem Umsatz von über einer Million DM. Von da an wächst das Unternehmen rasant – bereits 1984 wird die erste Tochtergesellschaft in England gegründet, 2002 wird im Zuge der strategischen Ausrichtung nach Asien das erste Werk in China aufgebaut. Die Aufträge nehmen zu, die Mitarbeiterzahl vervielfacht sich, und schließlich verzeichnet Herrenknecht mit dem Bau der vierten Röhre des Elbtunnels 2002 den ersten Weltrekord. Bis zur Jahrtausendwende entwickelt sich das Unternehmen aus Baden-Württemberg zum Weltmarktführer in maschineller Vortriebstechnik. Die Herrenknecht AG ist ein Paradebeispiel des deutschen Mittelstands und ein erneuter Beweis, dass sich der Weltmarkt von der deutschen Provinz aus erobern lässt.

Die M-30 verläuft in Madrids Innenstadt im Kreis über 32 Kilometer und mehrere Tunnel.

© Herrenknecht AG

Doch was macht die Geschichte der Herrenknecht AG seit über 40 Jahren zu einer Erfolgsstory? „Das ist zuallererst die Unternehmerpersönlichkeit von Martin Herrenknecht. Er ist unser Role Model, ist durch seinen Unternehmergeist und die innovative Tatkraft für die gesamte Belegschaft Leitfigur und Vorbild“, sagt Michael Sprang. Innovationsstärke und Pioniergeist sind eine weitere wichtige Erklärung für den Erfolg und unerlässlich bei den herausfordernden, komplexen Projekten des Unternehmens. Jedes der Projekte erfordert individuelle Technologielösungen, neue Konstruktionen, logistische Meisterleistungen und die Umsetzung vor Ort unter oft schwierigen Bedingungen. 90–95 Prozent Umsatz generiert Herrenknecht im Ausland. Da sind häufig auch kulturelle Unterschiede, die politischen Verhältnisse und die Gepflogenheiten eines Landes zu beachten.

Neben den unternehmerischen Tugenden gehören Fortune, ein gutes Netzwerk und vor allem fähige Mitstreiter zu den Erfolgsfaktoren. „Entscheidend für unseren Erfolg sind unsere mehr als 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die weltweit in über 30 Ländern unterwegs sind“, betont Michael Sprang. Bei der Umsetzung der komplexen Projekte müssen viele Berufsdisziplinen an einem Strang ziehen. „Es dürften fast 100 verschiedene Professionen sein, die hier im Unternehmen tätig sind“, schätzt Sprang, „vom Ingenieur, Informatiker und Physiker bis zum Einkäufer und Vertriebsfachmann.“

Die Herrenknecht-Ausbildungswerkstatt sorgt für hoch qualifizierten Nachwuchs. Projektmanagement lernt man hier on the job und übernimmt sehr schnell weitreichende Verantwortung. „Neben den interessanten Aufgaben an attraktiven, internationalen Standorten prägt uns dieses Vertrauen und verbindet uns natürlich auch mit unserem Unternehmen“, sagt Michael Sprang.

Mit rund 80 Tochter- und Beteiligungsgesellschaften im In- und Ausland ist die Herrenknecht AG für die Herausforderungen der Zukunft gut aufgestellt. „Wir sind davon überzeugt, dass es noch ganz viel Bedarf an unterirdischer Infrastruktur gibt. Egal, ob es die Versorgung, die Mobilität, die Abwasserthematik oder die Energiegewinnung betrifft“, sagt Sprang.

DAS GENERATIONENPROJEKT: Gründer Martin Herrenknecht, Jahrgang 1942, bereitet seinen Sohn Martin-Devid, Jahrgang 1986, auf den Führungswechsel vor.

© Christian Grund/13 Photo

Die vier Geschäftsfelder des Unternehmens tragen den bedeutenden Themen wie Mobilität, Urbanisierung, Erschließung neuer Rohstoffe oder Energiequellen Rechnung. Das Geschäftsmodell deckt alle Bereiche der Tunneltechnologien ab: Traffic Tunnelling, Utility Tunnelling, Mining und Exploration.

Traffic Tunnelling ist der klassische horizontale Tunnelbau, um die Verkehrsinfrastrukturen für die zunehmende Mobilität von Menschen und Gütern bereitzustellen. Utility Tunnelling liefert innovative Lösungen für Ver- und Entsorgungssysteme, beispielsweise für ein rund 200 Kilometer langes Abwassernetzwerk unter Singapur. Der Verlauf der Tunnel wurde so geplant, dass keine aufwendigen Pumpstationen nötig sind, da das Abwasser allein aufgrund des Gefälles fließt. Ein weiteres Beispiel ist das weltweit einzigartige „Stormwater Management and Road Tunnel“-Projekt in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur. Der Tunnel ist in drei Ebenen aufgeteilt. Zwei Ebenen sind für den Autoverkehr vorgesehen, die untere Ebene dient als Abwassertunnel. Drohen bei Monsun-Regenfällen Überschwemmungen, können die Straßenebenen gesperrt und geflutet werden.

Weltweit präsent ist Herrenknecht auch im Bereich Mining. Hier hat sich das Unternehmen auf das Bohren von Minenschächten unter anspruchsvollen geologischen Anforderungen spezialisiert.

Ein weiterer Geschäftszweig des Unternehmens sind Vertikalbohranlagen, die bis zu einer Tiefe von 8.000 Metern gelangen können. Die Erschließung neuer Energiequellen bekommt weltweit eine zunehmende Bedeutung. Mit den Herrenknecht-Anlagen lassen sich Öl- und Gasvorkommen sowie besondere Erdschichten für nachhaltige Geothermie-Projekte erschließen.

Das Thema Nachhaltigkeit begleitet die Firma ohnehin bei jedem Projekt. Die Herrenknecht AG geht auch dort neue Wege. Nach einem Projekteinsatz wird jede der Bohrmaschinen im Remanufaktur-Werk von Herrenknecht in Kehl am Rhein in ihre Einzelteile zerlegt. Wiederverwendbare Bauteile und Rohstoffe werden einem komplett neuen Lebenszyklus zugeführt.

Die Herrenknecht AG sieht sich bestens gewappnet für die Zukunft. „Unsere Basis ist die starke Position am Markt, die wir trotz der Konkurrenz aus China haben“, so Michael Sprang. Unterirdische Infrastrukturen eröffnen neue Horizonte. Denn gerade Megatrends wie Bevölkerungszuwachs, Urbanisierung und die Mobilität der Zukunft werden die vermehrte Nutzung des Untergrunds zur Folge haben und innovative Lösungen erfordern. Dem sieht Michael Sprang gelassen entgegen: „Wir sind gut aufgestellt für die Herausforderungen der Zukunft und werden die Machbarkeitsgrenzen der Projekte immer wieder neu anpassen und definieren.“

DEN DURCHBRUCH GESCHAFFT

187 Auszubildende im Jahr 2018

5.426 Mitarbeiter zum Jahresende 2018

1.316 Gesamtleistung 2018 in Mio. Euro

1.137 Umsatz 2018 in Mio. Euro

1.398 Auftragseingang 2018 in Mio. Euro

4.100 Tunnelbauprojekte weltweit

76 Standorte auf allen Kontinenten

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