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Markt und Moral

Eine Frage der Erde: Unternehmen sollen ökologisch und sozial handeln – über ihre gesamten Lieferketten hinweg. Doch das ist in der globalisierten Wirtschaftswelt manchmal gar nicht so einfach. Ein Lagebericht. Von Stefan Schmortte

© Pakin Songmor/Getty Images

Jahrelang läuft alles wie gewohnt – bis zum frühen Morgen des 24. April. Wie jeden Tag strömen die Menschen zu dem grauen Betonklotz nahe der Busstation am Highway Nummer 5. Die neunte Etage ist gerade noch im Bau, zusätzlich zu den vier Geschossen, um die der Besitzer seinen Gewerbekomplex aufgestockt hat. Seine Geschäfte laufen glänzend. Neben mehreren Läden und einer Bank haben fünf Textilfabriken Flächen von ihm angemietet. Ein paar tausend Menschen arbeiten hier, die meisten davon Frauen.

Bereits am Vortag sind Risse in der Gebäudehülle gemeldet worden. „Da bröckelt nur etwas Putz ab“, beruhigt der Besitzer. „Das ist doch kein Problem.“ Also ab an die Arbeit, entscheiden die Textilfabrikanten und drohen mit Lohnabzug, sollte sich jemand weigern. Gegen halb neun fällt der Strom aus. Nicht ungewöhnlich in dieser Gegend, rund 25 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Die Generatoren auf dem Dach springen an. Die Frauen, gebeugt über ihre Nähmaschinen, arbeiten weiter. Säumen die Hemden und Hosen für die Modekonzerne aus aller Welt.

Bis wenige Augenblicke später alles um sie herum zusammenbricht. Die Stahlbetonträger vibrieren und knicken unter der Gebäudelast wie Streichhölzer um. Tausende Menschen werden unter den Trümmern begraben. Anfangs ist in den Nachrichten von 70 Toten und 600 Verletzten die Rede, doch schon bald werden es immer mehr. Mit bloßen Händen graben die Helfer nach Verschütteten. 16 Tage nach der Katastrophe bergen sie die letzte Überlebende. Aber für mehr als 1.100 Menschen kommt jede Hilfe zu spät.

Der Einsturz des Rana Plaza in Sabhar am 24. April 2013, gelegen in einem Vorort der Hauptstadt Dhaka und benannt nach dem Besitzer Sohel Rana, ist keineswegs der erste folgenschwere Unfall in einer Textilfabrik in Bangladesch – nach China heute der zweitgrößte Kleiderproduzent der Welt. Aber diese Katastrophe steht für Globalisierungskritiker wie keine zweite als warnendes Mahnmal für eine Wirtschaftswelt, die auf dem Rücken der Ärmsten ihre gewissenlosen Geschäfte macht.

Im Akkord: In der Textilfabrik Seduno am Stadtrand von Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh produzieren Näherinnen u.a. für C&A und H&M.

© Philipp von Ditfurth

Aber ist die Schuldzuweisung wirklich so einfach? Sind vollkommen saubere Geschäfte möglich in einer Welt, die vielerorts von Kinderarbeit und Korruption beherrscht wird? Warum verlagern Firmen Produktionen überhaupt ins Ausland oder kaufen von dort Zulieferdienste ein? Etwa, weil dort die gleichen Standards herrschen wie hierzulande? 37,5-Stunden-Woche, Kündigungsschutz und Versorgung im Krankheitsfall?

Einig sind sich alle Beobachter darin, dass sich eine Katastrophe wie im Rana Plaza nicht wiederholen darf. Die Frage ist, wie das gelingen kann. „Wir müssen zu einer neuen Verantwortungsethik kommen“, sagt Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. „Es kann nicht sein, dass ich mir für sehr viel Geld eine Jacke oder Hose kaufe und nicht weiß, ob dafür Kinder an der Nähmaschine saßen oder Arbeiter mit giftigen Chemikalien arbeiten mussten.“

Bereits seit Jahren macht sich der CSU-Politiker für faire Produktionsbedingungen am untersten Ende der Lohnskala stark. Zum Beispiel in den Kobaltminen des Kongo, in denen die Arbeiter unter Gefahr für Leib und Leben jenen Rohstoff schürfen, der für unsere Smartphones und Elektroautos unverzichtbar ist.

Damit liegt Müller auf der Linie der von den Vereinten Nationen bereits 2011 verabschiedeten „Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte“, nach denen nicht nur die Staaten, sondern auch die Unternehmen selbst Verantwortung tragen. Nur sind seine Appelle die längste Zeit relativ folgenlos geblieben. Der Nationale Aktionsplan (NAP), mit dem Deutschland die UN-Leitprinzipien seit 2016 umsetzen will, baut bis heute auf Freiwilligkeit. Das heißt: Die Unternehmen sind angehalten, die Menschenrechte in ihren internationalen Lieferketten zu achten. Aber wer sich nicht daran hält, muss keine Konsequenzen fürchten.

Zumindest bisher nicht. Nachdem die Bundesregierung Mitte vorigen Jahres gut 3.000 Unternehmen aufgefordert hat, Auskunft darüber zu geben, wie sie es mit der sozialen Verantwortung entlang ihrer Wertschöpfungsketten halten, hat Gerd Müller in Arbeits-und Sozialminister Hubertus Heil (SPD) einen neuen Mitstreiter gefunden. Alle Ergebnisse des Monitorings sind zwar noch nicht öffentlich, aber Heil nannte sie „ernüchternd“. Nun will er mit seinem Ministerkollegen den Entwurf für ein verbindliches Lieferkettengesetz vorlegen. „Unsere Verantwortung endet nicht an der deutschen Grenze“, sagt Heil. „Wir können die Augen nicht davor verschließen, dass bei uns Produkte konsumiert werden, die unter unwürdigen Bedingungen hergestellt werden.“

Am Wasser gebaut: Lanzarote liegt mitten im Atlantik. Auf einen Pool wollen viele Bewohner dennoch nicht verzichten.

© Abstract Aerial Art/Getty Images

Noch ist das Lieferkettengesetz nicht beschlossen – anders als in Frankreich, wo das „Loi sur le Devoir de Vigilance“ bereits seit 2017 gilt –, doch an Reaktionen auf die Ankündigung der beiden Minister mangelt es nicht. „Absolut realitätsfremd“ nennt Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer das Vorhaben. „Wenn ich Lieferungen beziehe, die ihren Ursprung im Ausland haben, wo ich selbst nicht tätig bin, kann ich gar nicht immer detailliert wissen, unter welchen Bedingungen sie hergestellt werden“, sagt er. „Hier wird eine faktische Unmöglichkeit von den Unternehmen verlangt: Sie sollen persönlich für etwas haften“, das sie „in unserer globalisierten Welt gar nicht beeinflussen können“.

Freunde bei den NGOs macht sich der Arbeitgeberpräsident mit seiner Position sicher nicht, aber hat der Mann nicht auch ein bisschen recht? Allein in der Datenbank von Daimler sind weltweit 60.000 Zulieferer erfasst, die Sublieferanten dahinter noch nicht einmal mitgezählt. Selbst für die Produktion und den Vertrieb eines herkömmlichen Herrenhemds arbeiten bis zu 140 Akteure Hand in Hand – von den Designern in Europa über die Baumwollbauern in Burkina Faso bis zu den Näherinnen in Bangladesch und den philippinischenMatrosen auf den Containerschiffen.

Die Manager beim Textildiscounter KiK geben sich deshalb keinen großen Illusionen hin. Anders als Arbeitgeberpräsident Kramer sind sie zwar nicht gegen ein Lieferkettengesetz. Mit Rewe, Ritter Sport und 39 anderen Unternehmen haben sie sich in einer Erklärung jüngst sogar für dessen Einführung ausgesprochen. Auch damit die „gleichen Wettbewerbsbedingungen“ für alle gelten und sich „kein Unternehmen“ auf Kosten der anderen „seiner Verantwortung entziehen“ kann, wie es in dem Schriftstück heißt. Nur hegen auch sie eine gewisse Portion Skepsis, ob das am Ende zum Erfolg führen wird. „Sie müssen alles, was in Ihrer Macht steht, dafür tun, dass nichts passiert“, sagt KiK-Chef Patrick Zahn. „Aber Sie können als globales Unternehmen auch nicht für alles in den Produktionsstätten Ihrer Zulieferer garantieren.“

Hundertprozentig garantieren ganz sicher nicht, aber öffentlich geradestehen müssen die Unternehmen dafür trotzdem, heute mehr als jemals zuvor. Die Zeiten, als der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Milton Friedman einer ganzen Generation von Managern predigte, „The Business of Business is Business“, sind spätestens seit Ausbruch der Finanzmarktkrise passé. Statt von Shareholder-Value sprechen die Vorstandsvorsitzenden nun vorzugsweise von „Purpose“ – ihrer neuen Lieblingsvokabel, wenn sie ihr Unternehmen jenseits vom Profitstreben alter Prägung als tragende Säule der gesellschaftlichen Ordnung präsentieren. Sie alle wissen sehr genau, dass sie ihre Geschäftsmodelle heute der Öffentlichkeit zur Ratifizierung vorlegen müssen, nicht nur ihrem Aufsichtsrat.

Larry Fink, Chef der US-Fondsgesellschaft Blackrock, mit einem verwalteten Vermögen von fast sieben Billionen Dollar der mit Abstand mächtigste Investor der Welt, erinnert die CEOs deshalb regelmäßig daran, welchem „Purpose“ sie genügen müssen, sofern sie keinen Liebesentzug des Kapitalmarkts riskieren wollen. „Ein Bergbauunternehmen, bei dem die Sicherheit zu kurz kommt“, schreibt er in seinem jüngsten Brief an die Konzernchefs weltweit, kann seine Gewinne vielleicht kurzfristig maximieren. „Aber wie wir immer wieder erleben, fallen Handlungen, die der Gesellschaft schaden, letztlich auf das Unternehmen zurück und vernichten Vermögenswerte für die Aktionäre.“

Es geht Larry Fink um Nachhaltigkeit in ihrer gesamten Bandbreite – nicht nur um die Maßnahmen zur Rettung des Klimas, auch wenn dieses Thema gerade besonders weit oben auf der Agenda steht. Zentral sind für ihn darüber hinaus die Unternehmensanstrengungen zur Sicherstellung der Diversität in den Beschäftigungsverhältnissen, zur sozialen Verantwortung innerhalb der Lieferkette und auch zum Schutz der Kundendaten. Es geht quasi um alles, was Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, sei es in ökologischer (Environment), gesellschaftlicher (Social) oder führungsbezogener (Governance) Hinsicht. Die ESG-Kriterien also, die Kapitalgeber immer stärker zur Grundlage ihrer Investitionsentscheidungen machen. Die in den Chefetagen der Wirtschaft lange Zeit gepflegte Haltung „Wir machen Geschäfte, die Politik machen andere“ gilt nicht mehr. Als etwa im November vorigen Jahres geheime Dokumente an die Öffentlichkeit gelangen, die belegen, wie Chinas Machthaber die muslimische Minderheit der Uiguren in der Provinz Xinjiang systematisch unterdrücken und mindestens eine Million Menschen in Lagern festhalten, gerät auch der VW-Konzern in Erklärungsnot.

Green Economy: Tee ist schon lange ein globales Gut. Hier in den Cameron Highlands, Malaysia, arbeiten Teebauern für den Weltmarkt.

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Bereits seit 2013 betreiben die Wolfsburger ein Werk in der Region – nicht ganz freiwillig zwar, wie der auf den chinesischen Automarkt spezialisierte Unternehmensberater Jochen Siebert mutmaßt, sondern nur „im Tausch“ gegen die Zusicherung der Staatsführung, dafür an anderen, besser geeigneten Standorten ihre Produktionskapazitäten erhöhen zu dürfen. Aber das spielt in der aktuellen Diskussion keine Rolle – genauso wenig wie die Tatsache, dass VW eigenen Angaben zufolge in seinem Werk „zu 25 Prozent ethnische Minderheiten beschäftigt“ und damit das Ziel verfolgt, das „soziale Umfeld für die Menschen“ in der Region zu verbessern.

Was zählt, ist die Präsenz vor Ort. Wie kann ein deutscher Konzern irgendwo auf der Welt tätig sein, wo die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, empören sich die Kritiker. Oder, etwas diplomatischer in den Worten von Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) ausgedrückt: „Wenn Hunderttausende Uiguren in Lagern festgehalten werden, dann kann auch kein Unternehmen davor die Augen verschließen.“

Die entscheidende Frage lautet, wie Unternehmen in einer solchen Situation am besten reagieren. Rückzug auf der ganzen Linie, so wie es etwa CocaCola in den 1980er Jahren vorgemacht hat, als sich der Konzern wegen des Apartheid-Regimes vorübergehend aus Südafrika verabschiedet hat? Oder bleiben und im eigenen Einflussbereich darauf hinwirken, dass es für die Menschen besser wird?

Egal, wo auf der Welt Unternehmen heute tätig sind, sie müssen das Urteil der Öffentlichkeit mit einkalkulieren. Jeder vermeintliche oder tatsächliche Fehltritt hat Konsequenzen, so wie erst jüngst im Fall Siemens. Ein relativ kleiner Deal (Auftragsvolumen: 18 Millionen Euro) zur Lieferung von Zugsignaltechnik an den indischen Mischkonzern Adani, der in Australien gerade eines der größten Kohlebergwerke der Welt baut, reichte aus, um dem Konzern einen Imageschaden ohnegleichen zu bescheren.

Da mag Siemens-Chef Joe Kaeser noch so oft betonen, dass sein Unternehmen bereits vor fünf Jahren als Erstes seiner Art Klimaneutralität bis 2030 versprochen hat. Der Vorwurf des Klimasünders klebt seitdem wie Kaugummi an ihm. Es sei einfach „absurd“, klagt er im Interview mit der Zeit. „Wir helfen“ durch Lieferung umweltverträglicher Technologien „massiv“ mit, „bei unseren Kunden die Emissionen zu reduzieren.“ Das seien weltweit 640 Millionen Tonnen CO2 allein im letzten Jahr gewesen. Bis dieses „Miniprojekt in Australien“ alles kaputt macht und die Stimmung kippt. „Aber so ist die neue Welt.“

Kompliziert ist diese neue Welt geworden und auch sehr widersprüchlich. Denn für sich selbst hängen die Konsumenten ihre moralische Messlatte nicht ganz so hoch. Alle sind für den Schutz der Umwelt, aber geflogen wird trotzdem gerne (gut 125 Millionen Passagiere zählten die deutschen Flughäfen zwischen August 2018 und Juli 2019, fast sechs Millionen mehr als im Vorjahreszeitraum). Und auch auf dem Boden sind die Bundesbürger bevorzugt hochmotorisiert unterwegs (erstmals wurden 2019 hierzulande mehr als eine Million SUVs und Geländewagen zugelassen, plus 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr).

Jeder ist für anständige Löhne in der Textilindustrie, aber gekauft wird dann die Cargo-Hose bei H&M für 14,99 Euro. Da mag Bundesentwicklungsminister Gerd Müller mit gutem Beispiel vorangehen, wenn er sich öffentlich zu Mode made in Germany bekennt („Ich trage Unterwäsche von Trigema“). Den meisten Bundesbürgern ist die nachhaltige Lieferkette am eigenen Leib ziemlich egal. Wir trinken unseren schwarzen Tee mit weißer Weste, auch wenn wir vielleicht erst kürzlich in der Zeitung gelesen haben, dass bei einer Packung „für drei Euro“ nach einer Studie der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam nur „circa vier Cent an die Menschen gehen, die den Tee gepflückt haben“. Der Umsatz mit Fair-Trade-Produkten liegt in Deutschland bei knapp 1,7 Milliarden Euro. Das ist zwar 17-mal mehr als vor 15 Jahren, aber, gemessen am Lebensmittel-Einzelhandelsumsatz von insgesamt rund 125 Milliarden Euro, nicht mehr als ein paar Peanuts. „Für ein ordentliches Motorenöl zahlen Autofahrer bereitwillig 40 Euro pro Liter“, sagt Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU). Aber „beim Salatöl“ sind ihnen „zwei Euro schon zu viel“.

Solange diese „Geiz ist geil“-Mentalität das Vaterunser der Konsumgesellschaft diktiert, ist es leicht, die Unternehmen dafür zu kritisieren, wenn sie in ihren Einkaufsabteilungen nach Kostenvorteilen suchen – auch wenn sie das schon sehr lange nicht mehr um jeden Preis tun. Immer genauer nehmen sie ihre Zulieferer unter die Lupe, inspizieren bei Bedarf deren Betriebe vor Ort und geben feste Sozialstandards vor – so wie beispielsweise Daimler mit seinem schon 2018 gestarteten Human Rights Respect System. „Wir wollen damit sicherstellen, dass in unseren Autos nur Rohstoffe enthalten sind, die nicht mit der Verletzung von Menschenrechten in Berührung gekommen sind“, sagt Renata Jungo Brüngger, im Vorstand für Integrität und Recht verantwortlich. Insgesamt 50 „Risikorohstoffe“ haben die Daimler-Manager identifiziert, darunter vor allem Kobalt, das der Konzern nicht direkt bezieht, über seine Batterielieferanten aber zum Bau neuer Elektroautos braucht. Rund zehn Kilogramm von dem seltenen Erz stecken in einem modernen Strom-Mobil. Nur stammen 60 Prozent der weltweiten Fördermenge aus dem Kongo, wo Korruption und Kinderarbeit an der Tagesordnung sind. Deshalb hat Daimler seine Batterieproduzenten dazu verpflichtet, Kobalt nur noch aus überwachten Minen zu beziehen, wo mit Helmen und Atemmasken gearbeitet wird und das Mindestalter der Arbeiter bei 18 Jahren liegt.

Ähnliche Standards gelten auch für Problemstoffe wie Glimmer – ein Schichtsilikat, das vorrangig die Menschen in Indien aus der Erde buddeln. Nach Schätzung von Menschenrechtsorganisationen unter Beteiligung von etwa 20.000 Kindern. Hierzulande sorgt der Stoff€ für das Leuchten der Lippenstifte oder den Glanz im Autolack, aber dort steht er nicht selten für einen Tod in illegalen Gruben, die ohne Stützbalken über den Arbeitern zusammenbrechen.

Natürlich, das gibt Daimler-Managerin Brüngger zu, sei es unmöglich, alle 60.000 Lieferanten weltweit gleichzeitig zu kontrollieren. Aber sie weiß auch genau um die Macht ihres Arbeitgebers. „Deshalb stoßen wir meistens auf offene Ohren, wenn wir Beanstandungen haben“, sagt sie. Zulieferbetriebe, die von den Sozialstandards nichts wissen wollen, „nehmen wir dann aus unserer Lieferkette heraus“.

Unabhängig von jeder gesetzlichen Regelung, sind die Unternehmen also keineswegs untätig. Sie implementieren eigene Controlling-Systeme, schließen sich mit NGOs und Gewerkschaften wie in dem 2014 gegründeten Textilbündnis zusammen oder treten Initiativen wie jüngst dem „Grünen Knopf“ bei – einem staatlichen Siegel, das unter Federführung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erarbeitet wurde und die teilnehmenden Modeunternehmen für jeden Konsumenten sichtbar als sozial und ökologisch sauber zertifiziert.

Strittig bleibt, wie tragfähig die Freiwilligkeit ist. Die einen, mit Entwicklungshilfeminister Gerd Müller an ihrer Spitze, sagen: „Freiwilligkeit führt nicht zum Ziel, wir brauchen einen gesetzlichen Rahmen.“ Die anderen, etwa Ingeborg Neumann, Präsidentin des Textilgesamtverbands, entgegnen, es sei unmöglich, „jedes Baumwollfeld, jede Knopffabrik und jede Reißverschlussproduktion bis ins kleinste Glied“ zu kontrollieren. „Wir können als deutsche Unternehmen nicht allein die Welt retten“, sagt sie.

Einigen könnten sich beide Seiten vielleicht auf folgende Zwischenbilanz. Die Globalisierung hat, wie von ihren schärfsten Kritikern oft behauptet, nicht etwa dazu geführt, dass die Ärmsten der Armen immer ärmer geworden sind. Das Gegenteil ist richtig. Die Globalisierung hat Millionen Menschen aus der absoluten Armut befreit. Nicht etwa, weil sie einem altruistischen Prinzip folgt, sondern weil sie die Lohnkostenvorteile der Entwicklungsländer für sich nutzt und die dortigen Wohlstandsgewinne erst möglich gemacht hat. Der freie Welthandel ist für Ökonomen wie Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (iwf), deshalb auch wirksamer als jede Entwicklungshilfe. Vorausgesetzt natürlich, die internationale Arbeitsteilung garantiert die Einhaltung der fundamentalen Menschenrechte.

Darüber entscheiden aber nicht die Unternehmen allein, sondern immer stärker ihre Investoren und am langen Ende vor allem die Konsumenten, die einen entsprechenden Preis dafür zahlen müssen. „Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht jemand etwas billiger verkaufen könnte“, notiert der britische Sozialphilosoph John Ruskin schon Mitte des 19. Jahrhunderts. Allerdings verbiete es das „Gesetz der Wirtschaft“, für wenig Geld auch viel Wert zu erhalten. „Nehmen Sie das niedrigste Angebot an“, so Ruskin weiter, „müssen Sie für das Risiko, das Sie eingehen, etwas hinzurechnen. Und wenn Sie das tun, dann haben Sie auch genug Geld, um für etwas Besseres zu bezahlen.“ Die Einhaltung der Menschenrechte beispielsweise.