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Über morgen

Nach Corona wird die Welt eine andere sein. Das sagen gerade alle. Aber was für eine? Vier zentrale Fragen und ein paar Antworten darauf – Letztere naturgemäß ohne hundertprozentige Gewähr. Von Stefan Schmortte

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Die Dimension dieser Krise hat kaum einer so klar vorausgesehen wie Bill Gates – Gründer von Microsoft und mit seiner Stiftung (Vermögen: 46,8 Milliarden Dollar) eine Art Weltmarktführer in Sachen Philanthropie. Im rosafarbenen V-Pulli tritt Gates im März 2015 auf die Bühne der TED-Konferenz in Vancouver, einer jährlichen Zusammenkunft hochrangiger Experten unter dem Motto „Ideas worth spreading“ – Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden. Er sagt: „Wenn etwas in den nächsten Jahrzehnten über zehn Millionen Menschen tötet, dann wird es höchstwahrscheinlich ein hochansteckendes Virus sein und kein Krieg. Keine Raketen, sondern Mikroben.“

Seit damals hat Gates seine Warnung zigfach wiederholt. Nur zugehört haben ihm offenbar die wenigsten. Die Ebola-Seuche, 2014 in Westafrika ausgebrochen, war ziemlich weit weg und die Vorstellung einer kontinentübergreifenden Pandemie ungefähr so abwegig wie ein Horror-Movie, made in Hollywood. Bis SARS-CoV-2 die Welt binnen kürzester Zeit infiziert und uns alle zu Völkern von Stubenhockern gemacht hat. „Die Welt nach Corona“, sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, „wird eine andere sein.“

Aber was für eine? Was erwartet uns am Day after tomorrow? Im gleichnamigen Katastrophenfilm von Roland Emmerich endet die Geschichte mit einem vorsichtig angedeuteten Happy End. Und in unserem Fall? Erleben wir gerade den Anfang vom Ende des Multilateralismus? Wird das Homeoffice bald zum Dauerarbeitsplatz für Millionen von Angestellten? Und die globale Just-in-time-Fertigung in Rente geschickt? Ist der nationale Schrebergarten womöglich krisenresistenter als das unübersichtliche Freigelände von Wuhan bis Wuppertal? Was wird jetzt aus dem Green Deal der Europäischen Union? Gibt es eine Katharsis durch die Krise? Oder kehren wir bald in unseren gewohnten Betriebsalltag zurück, nur alle sehr viel ärmer? Einigkeit besteht unter den Beobachtern bisher nur darin, dass diese Krise alles Dagewesene in den Schatten stellt. „Dieser Schock ist einzigartig“, sagt Harvard-Professor Kenneth Rogoff, der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF). Allein in den USA, Stand Ende April, haben binnen wenigen Wochen 30 Millionen Amerikaner ihren Job verloren. Und auch in Deutschland ist der Tag der Arbeit zum Tag der Kurzarbeit geworden, mit potenziell gut zehn Millionen Betroffenen. Nie zuvor ging es mit der Weltwirtschaft so schnell nach unten.

Uneinig sind sich die Experten allerdings darin, wie es jetzt weitergeht. Selbst die Akteure an den Börsen, an denen bekanntlich die Zukunft gehandelt wird, reagierten etwas ratlos, als die ersten Covid-19-Fälle gemeldet wurden. Manisch-depressiv schwankten die Kurse hin und her, so alarmierend wie die Vitalparameter auf einer Intensivstation im Krankenhaus. Um danach zu einer erstaunlichen Aufholjagd anzusetzen, vom Tiefpunkt bei 8.400 Dax-Punkten Mitte März auf gut 13.000 Punkte am 20. Juli.

Dahinter steht der Glaube an den Buchstaben V – das optimistischste Szenario für die Post-Corona-Zeit. Auf den radikalen Strich nach unten, so die Spekulation, wird ein ebenso radikaler Strich nach oben folgen, also eine rasche Erholung der Weltwirtschaft. Aber was, wenn nicht? Dann könnte die Stimmung an den Börsen schnell wieder kippen. Denn ebenso vorstellbar ist eine L-förmige Formation, mit vielen Jahren der Stagnation. Oder irgendetwas dazwischen – so, wie es der Buchstabe U symbolisiert, mit einer länger anhaltenden Delle, nach der es mit der Wirtschaft wieder nach oben geht. Seriös voraussagen vermag das momentan keiner – selbst der Visionär Bill Gates nicht. Als er sich auf der TED-Konferenz 2015 selbst die Frage stellte, was eine grundlegende Renovierung des globalen Gesundheitssystems und das Aufstellen epidemiologischer Einsatztruppen kosten würden, um solche Krisen künftig zu vermeiden, sagte er: „Ich weiß es nicht. Aber im Vergleich zum Schaden einer Pandemie sind solche Kosten überschaubar.“

Die Spanische Grippe vor 100 Jahren galt als Beispiel einer großen Seuche, auch wenn die ärztliche Versorgung gänzlich anders war.

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DIE ARBEIT - Wird das Homeoffice jetzt zum Dauerarbeitsplatz?

Der Konjunktiv ist keine besonders verlässliche Form, weil er per Definition immer nur in den Bereich des Möglichen fällt. Aber eines lässt sich im modus coniunctivus doch mit großer Sicherheit behaupten: Die Covid-19-Pandemie wäre in der Welt von 1990 – ohne Zoom, Slack oder Microsoft Teams – eine andere, sehr viel schlimmere gewesen.

„Die Corona-Krise hat uns gezeigt, welche Bedeutung digitale Technologien für unsere Wirtschaft haben“, sagt Achim Berg, Präsident des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom). „Unternehmen, die besser digitalisiert sind, haben gerade in Krisenzeiten einen klaren Wettbewerbsvorteil.“

Fast jeder Chef hat jüngst die Vorteile der Online- Welt für sich entdeckt und mit seinen Mitarbeitern in Videokonferenzen statt im persönlichen Meeting kommuniziert. 9,1 Terabit pro Sekunde rauschten Mitte März durch den Internetknoten der Frankfurter Betreibergesellschaft De-Cix, der weltweit größten ihrer Art. Ein neuer Rekordwert, aber noch lange kein Grund, um Engpässe zu fürchten. „Selbst wenn alle Firmen Europas ausschließlich aus dem Homeoffice arbeiten“ würden, könnten wir „die notwendigen Bandbreiten für reibungslose Interconnection bereitstellen“, sagt Thomas King, der Technik-Chef vor Ort.

Rein technisch ist das offenbar also kein Problem, aber wie sieht die menschliche Seite aus? Was, wenn die Unternehmen dazu übergehen sollten, einen Großteil ihrer Belegschaft auf Dauer von zu Hause aus arbeiten zu lassen? Die möglichen Vorteile, das hat sich im größten Homeoffice-Experiment aller Zeiten gerade bewiesen, wären gewaltig – in klimapolitischer wie auch in betriebswirtschaftlicher Hinsicht.

850.000 Tonnen CO2, so eine Berechnung des Düsseldorfer Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa), ließen sich pro Jahr einsparen, wenn nur zehn Prozent der deutschen Erwerbstätigen einen Tag in der Woche nicht mehr mit dem Auto ins Büro fahren würden. Ebenso imposant sind die Kostenvorteile auf der Betriebsseite.

Nach der Krise, sagt Sven Wingerter, geschäftsführender Gesellschafter beim auf Arbeitsplatz-Management spezialisierten Beratungsunternehmen Eurocres in Berlin, „werden die Unternehmen ihren Büroflächenbedarf drastisch hinterfragen und sich von starren Strukturen trennen“. Mindestens ein Fünftel der heutigen Büro-Arbeitsplätze könnte dann zur Disposition stehen.

Metro-Chef Olaf Koch und Siemens-CEO Joe Kaeser haben bereits angekündigt, dass der Anteil digitaler Arbeit in ihren Konzernen nach der Krise deutlich zunehmen soll. Und auch Bernd Leukert, seit Januar neuer CTO der Deutschen Bank, erwartet, dass sein Institut künftig mit weniger Bürofläche auskommen könnte. „Die Miete, die wir so sparen“, sagt er, „könnten wir besser in Produkte und Technologie investieren.“ Noch konkreter hat sich zwischenzeitlich der Kurznachrichtendienst Twitter positioniert. Wenn es ihre Funktion erlaubt, sollen die knapp 5.000 Beschäftigten nun „für immer“ im Homeoffice arbeiten dürfen. Die vergangenen Monate hätten gezeigt, dass es funktioniert, wenn Menschen an verschiedenen Orten zusammenarbeiten, begründet Personalchefin Jennifer Christie die Entscheidung.

Die Einsparpotenziale für die Unternehmen insgesamt lassen sich derzeit noch kaum abschätzen, dürften aber gewaltig sein. „Asset-light-Immobilienstrategien sind ab sofort keine Option mehr, sondern zwingend“, sagt deshalb Eurocres-Geschäftsführer Wingerter. „Sie erhöhen das Finanzierungspotenzial für das Kerngeschäft und verringern Kapitalkosten.“

Bleibt die Frage, ob die Heimarbeit – trotz gut funktionierender Fernsteuerung der Unternehmen in Corona-Zeiten – tatsächlich von allen gewünscht ist. Die vorliegenden Studien zum Thema sind vielfältig, nur alles andere als eindeutig. Eine Analyse des Stanford-Ökonomen Nicholas Bloom kommt zu dem Ergebnis: „Heimarbeit führt zu einem Anstieg der Produktivität um 13 Prozent.“ Zurückzuführen vor allem auf geringere Krankheits- und Fehlzeiten.

Das klingt nach einer Win-win-Situation für alle Beteiligten. Aber Younghwan Song und Jia Gao (beide am Union College im Bundesstaat New York) ziehen nach einer Befragung von 4.000 US-Amerikanern ein anderes Fazit. Arbeitnehmer, die ausschließlich im Homeoffice arbeiten, leiden demnach unter einem erhöhten Stresslevel und geringerem Wohlbefinden als ihre Kollegen im Büro. Ganz einfach, weil sich Arbeit und Freizeit in den eigenen vier Wänden nicht immer auf das Beste vermischen, etwa wenn das Kind zwischendurch schreit oder sich das schmutzige Geschirr in der Spüle stapelt.

Für beide Positionen gibt es gute Argumente. Und deshalb sollte Arbeitsminister Hubertus Heil, der nach eigenem Bekunden schon an einem „neuen Gesetz für ein Recht auf Homeoffice“ arbeitet, besser nicht zu optimistisch sein. Denn auch wenn sich nach einer repräsentativen Umfrage des Forsa-Instituts derzeit 77 Prozent der Bundesbürger wünschen, dass ihr Arbeitgeber nach der Corona-Krise verstärkt Angebote für die Heimarbeit macht, ist keineswegs gesagt, dass dieser Wunsch von Dauer sein wird. „Ich glaube, das ist einfach so ein Reflex“, sagt Forsa-Chef Manfred Güllner. „Wenn ich frage: Willst du deinen Oberbürgermeister direkt wählen, dann antworten auch immer 75 oder 80 Prozent mit ‚Ja‘. Wenn das angeboten wird, dann geht keiner hin.“

HIERGEBLIEBEN: Die Zeiten, in denen Männer in Hochhaustürmen das Arbeitsleben dominierten, sind langsam vorbei.

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DER HANDEL - Ist jetzt Ladenschluss?

1,15 Milliarden Euro. Pro Tag. So hoch taxiert der Handelsverband Deutschland (HDE) die Umsatzverluste für Elektromärkte, Textil- und Sportgeschäfte, die wegen der Corona-Krise ihre Türen schließen mussten. „Wir haben hier eine Herausforderung, die wir kaum bewältigen können“, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

Wochen ohne Kunden, das ist in der hart umkämpften Branche für keinen Anbieter auf Dauer durchzuhalten – selbst für die ganz Großen nicht. Adidas-Chef Kasper Rorsted kündigte Ende März deshalb an, die Mietzahlungen für seine geschlossenen Shops vorerst auszusetzen (was er nach massiven Protesten dann sehr schnell wieder zurücknahm), und René Benko, Eigner von Galeria Karstadt Kaufhof, rettete sich vor dem drohenden Zugriff seiner Gläubiger sogar in ein Schutzschirmverfahren.

Seit die Filialen nun wieder geöffnet sind, kommt zwar Geld in die Kasse. Aber das dürfte kaum reichen. Weder für Benko noch für die vielen kleinen Modeboutiquen, die der Lockdown mindestens ebenso hart getroffen hat. „Spätestens Ende des Jahres wird es eine Insolvenzwelle im Einzelhandel von nie gekanntem Ausmaß geben“, sagt Klaus Harnack, geschäftsführender Gesellschafter der Bielefelder Unternehmensberatung Hachmeister + Partner. Ein Drittel der Unternehmen, so seine düstere Prognose, könnte nach der Corona-Krise für immer dichtmachen.

Nur, was wird dann aus unseren Innenstädten? Droht ihnen das gleiche traurige Schicksal wie Detroit – die einst so glanzvolle, aber heute völlig runtergekommene Motor City im US-Staat Michigan? Mit verrammelten Schaufenstern und Straßenzügen wie aus einer Geisterstadt. Was wird dann aus der bunten Mischung von Geschäften, Kinos und Restaurants? Werden die Flaniermeilen in Shopping-Town noch glänzen wie die Sterne auf dem Walk of Fame? Oder bleibt davon am Ende nur ein Walk of Shame übrig?

Bereits vor der Krise sagten die Statistiker des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH) voraus, dass von den aktuell 226.000 Einzelhandelsunternehmen in Deutschland in den nächsten zehn Jahren 26.000 schließen müssten, im besten Fall. Im schlechtesten Fall könnten auch 64.000 Händler auf der Strecke bleiben. Nicht wegen Corona, sondern weil ihnen die Online-Konkurrenz immer stärker zu schaffen macht. „Die Viruskrise“, sagt IFH-Geschäftsführer Boris Hedde, könnte jetzt dazu führen, „dass diese Entwicklung wie im Zeitraffer abläuft“. Also mit noch mehr Tempo, angeheizt von einem Brandbeschleuniger namens Covid-19.

Davon ist Gerrit Heinemann, Professor für Management und Handel an der Hochschule Niederrhein, fest überzeugt. „Die bisherigen Prognosen von 64.000 Geschäftsaufgaben bis 2030“, sagt er, „werden sich bereits dieses Jahr erfüllen.“ Und dabei dürfte es nicht bleiben. Denn wenn die Läden als Frequenzbringer für die Innenstädte sterben, stirbt in der Folge noch sehr viel mehr. Vielleicht nicht in den 1-a-Lagen der Republik, wo die Buy-Society gerne ihre Prada-Taschen ausführt. Aber überall dort, wo es nicht ganz so mondän zugeht wie auf der Königsallee in Düsseldorf oder rund um den Marienplatz in München.

Die Gastronomieketten Vapiano und Maredo haben bereits Insolvenz angemeldet, viele im Kern gesunde Unternehmen könnten ihnen bald folgen – darunter vor allem Bars und Diskotheken, denen nach erfolgter Teilöffnung der Restaurants noch immer jegliche Perspektive fehlt. Branchenweit, fürchtet der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga, sind aktuell 70.000 Betriebe von der Pleite bedroht, jeder dritte im Land. „Wir mussten als Erstes schließen und werden am längsten zu leiden haben“, sagt Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges.

Wie viele Hotels, Gaststätten und Einzelhändler am Ende tatsächlich aufgeben müssen, lässt sich heute noch nicht abschätzen. Sehr entscheidend aber wird sein, wie es nach der Lockerung der Kontaktsperren weitergeht. Werden die Menschen nun wieder in die Zentren strömen, weil sie einen enormen Nachholbedarf verspüren? Oder ist das Szenario von Gerrit Heinemann realistischer? Er sagt: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es in vielen Innenstädten“ auch nach der Krise sehr viel „leerer aussehen“. Denn „wir werden uns noch lange daran erinnern, dass zu volle Läden ein gesundheitliches Risiko darstellen“.

Bisher spricht vieles für das zweite Szenario. Während Amazon als einer der großen Gewinner aus der Corona-Krise hervorgeht und 100.000 zusätzliche Voll- und Teilzeitkräfte anheuern will, füllen sich die Einkaufsstraßen in Deutschland nur zögerlich. 48.000 Besucher zählte Hystreet.com am ersten wiedereröffneten Samstag in der Kaufinger Straße in München, ein Unternehmen, das auf die Frequenzmessung in Innenstädten spezialisiert ist. Zu Jahresbeginn waren es noch zweieinhalbmal so viele.

Das ist verständlich, weil das Bummeln mit einer Atemschutzmaske vorm Gesicht keinen so großen Spaß macht. Doch selbst wenn die Besucherzahlen bald wieder steigen sollten, tröstet das die Händler, Gastronomen und Hoteliers über die bereits erlittenen Umsatzverluste nur marginal hinweg. Das unbelegte Zimmer und das Essen, das gestern nicht serviert wurde, können kein zweites Mal verkauft werden. Ebenso wenig wie die Frühjahrsmode im Lager, die der Textilhändler jetzt in die Altkleidersammlung geben kann oder nur noch mit maximalem Rabatt loswird. Und das ist schon schlimm genug.

DIE NEUE MITTE: Die Shoppingtour findet immer häufiger nur noch online statt. Die Citys verändern sich dadurch rasant.

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DIE GLOBALISIERUNG - Stoppt jetzt das Räderwerk der Weltfabrik?

Die Pocken, die Pest oder die Spanische Grippe. Seuchen von universellem Ausmaß sind beinahe so alt wie die Menschheit selbst. Allerdings mit einem gravierenden Unterschied. „Als die Pest im 14. Jahrhundert in China ausbrach, dauerte es zehn Jahre, bis sie in Großbritannien ankam“, sagt der israelische Historiker und Bestseller-Autor Yuval Noah Harari. In der Corona-Pandemie hat es nur zwei Wochen gedauert.

Klar, wer in Peking-Daxing ein Flugzeug besteigt, ist sehr viel schneller am Ziel als ein früherer Reisender mit seinem Esel. Die Globalisierung, sagt der Philosoph Peter Sloterdijk, sei eben auch eine „Reiseerleichterung für Mikroben“. Aber bedeutet das, dass wir den Fuß jetzt vom Gas nehmen sollten, weil der Motor der internationalisierten Wirtschaftswelt ansonsten zu heiß läuft?

Schon bevor Corona wie ein Virus des Zweifels Salz in die offene Wunde der Lieferketten-Welt gestreut hat, stand die international arbeitsteilige Zusammenarbeit in der Kritik – nicht zuletzt wegen Donald Trumps Strafzöllen, die tiefe Spuren in den Handelsbeziehungen der Länder hinterlassen haben. Aber seit die Pandemie die Welt in Atem hält, droht die Globalisierung vollends zu einer der am meisten gefährdeten Risikogruppen der neuen Seuche zu werden.

Es sind nicht nur die üblichen Verdächtigen von Attac und Co., die das Räderwerk der Weltfabrik nun als ziemlich demoliert betrachten. Selbst Gabriel Felbermayr, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), spricht von einer Art „Lehman-Brothers-Moment“ für die Globalisierung, ausgelöst durch Corona, und hält es für wahrscheinlich, dass „die Wertschöpfungsketten“ jetzt „etwas kürzer werden“.

Etwas kürzer vielleicht, aber zurück in den nationalen Schrebergarten will Felbermayr keinesfalls. Denn die Globalisierung hat, anders als von ihren schärfsten Kritikern behauptet, Abermillionen Menschen aus tiefster Armut befreit und in Summe allen genutzt. Diese „Wohlstandsgewinne“, mahnt Bundesfinanzminister Olaf Scholz, sollten wir nicht aufs Spiel setzen. „Klug wäre es aber, die Lieferketten etwas stärker abzusichern und bestimmte Produkte künftig auch wieder in Europa herzustellen.“ Medikamenten-Wirkstoffe zum Beispiel, die heute zum überwiegenden Teil aus Fernost kommen und sich in der Krise als äußerst systemrelevant erwiesen haben. Eine zu große Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten (China etwa stellt aktuell 80 bis 90 Prozent der globalen Wirkstoffmengen für Antibiotika zur Verfügung) muss im Risk-Management neu bewertet werden. Nicht nur von den Pharmakonzernen, sondern von allen Unternehmen, die von Produktlieferungen aus dem Ausland abhängig sind.

„Resilienz“ lautet die neue Lieblingsvokabel der Manager. Sie wollen widerstandsfähiger werden gegen Lieferketten, die wie Papiergirlanden zerrissen sind. Und weniger verwundbar durch Produzenten, die ausfallen und ihnen eine teure Betriebsunterbrechung bescheren. Nur ist es in der Praxis gar nicht so einfach, von „just in time“ auf „just in case“ umzuschalten und die richtige Balance von Effizienz und Sicherheit zu erreichen. „In den Betrieben findet immer eine Gratwanderung statt zwischen dem Fertigungsleiter, der alles selbst machen will, und dem Controller, der die Kosten senken möchte“, sagt Ralph Wiechers, Chefvolkswirt beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA).

Lagerhallen kosten Geld, Produktionsstopps durch Ausfälle aber auch, im schlimmsten Fall noch sehr viel mehr. Schon als im April 2010 auf Island der Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach und den Flugverkehr lahmlegte, gab es ähnliche Diskussionen – allerdings, ohne dass sich danach etwas Wesentliches geändert hätte. „Der Endkunde“, erinnert sich Post-Chef Frank Appel, „bezahlt nicht zehn Prozent mehr für ein Smartphone, weil der Hersteller sagt: Die Lieferkette ist robuster.“

Eine Deglobalisierung ist für den Post-Chef weder vorstellbar noch wünschenswert. Unternehmen, die viele Märkte bedienen und Produktionsstandorte in unterschiedlichen Ländern unterhalten, sagt er, sind „resilienter und weniger abhängig von der Entwicklung in einem einzelnen Land. Deswegen ist die Globalisierung eine Versicherung für die Unternehmen.“

Und nicht nur für sie. Auch die Corona-Pandemie selbst lässt sich nur global in den Griff bekommen – durch eine länderübergreifende Koordination aller notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche. „Corona besiegen wir nur weltweit oder gar nicht“, sagt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller. „Sonst kommt es in Wellen zu uns nach Deutschland und Europa zurück.“

WANDEL IM HANDEL: Einige Produkte, etwa in der Medizin, werden künftig wohl stärker lokal produziert.

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DAS KLIMA - Ist jetzt noch genug Geld in der Kasse, um die Erderwärmung aufzuhalten?

In den Kanälen von Venedig ist das Wasser plötzlich wieder klar und der Himmel über Peking wieder blau. Wenn sich der Corona-Krise überhaupt etwas Positives abgewinnen lässt, dann nur die Tatsache, dass der Planet Erde gerade mal wieder richtig durchgeatmet hat. Weltweit könnten die CO2-Emissionen dieses Jahr um gut fünf Prozent sinken, schätzt Rob Jackson vom Gobal Carbon Project – der stärkste Rückgang seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Das wäre eigentlich ein Grund zur Freude, wenn die Freude bloß nicht so bitter schmecken würde. Nur weil die Fabriken der Welt ihre Produktion gezwungenermaßen stoppen mussten, Flugplätze quasi über Nacht zu Parkplätzen wurden und selbst Kreuzfahrtschiffe als Petrischalen voller Viren notgedrungen vor Anker gingen, haben Staaten wie Deutschland ihre selbst gesteckten Klimaziele für das laufende Jahr wohl doch noch erreicht.

Allerdings zu einem Preis, der selbst einen Dagobert Duck in akute Schnappatmung versetzen würde. Die Billionen von Dollars, die Regierungen weltweit gerade bereitstellen, um die Folgen der Pandemie abzufedern, lassen sich kaum noch zählen. Was zu der Frage führt, wer die Zeche dafür morgen zahlen soll. Und was von den in Paris vereinbarten Klimaschutzzielen der Vereinten Nationen noch übrig bleibt. Wird dann noch genug Geld in der Kasse sein, um das Zwei-Grad- Ziel zu verfolgen? Oder werden dann jene Stimmen Oberwasser gewinnen, die den Klimaschutz in dieser historisch einmaligen Situation eher als ein Luxusproblem betrachten?

„Nach der Corona-Krise müssen wir prinzipiell alle Sonderbelastungen der deutschen Wirtschaft auf den Prüfstand stellen, die einer Erholung und einer Anknüpfung an unsere bisherige Stärke im Wege stehen“, sagt etwa Wolfgang Steiger, Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrats. Einem deutschen Alleingang in der Umweltpolitik erteilt er eine klare Absage und plädiert dafür, dass sich die Bundesregierung auf europäischer Ebene jetzt „für eine zeitliche Streckung der klimapolitischen Zielvorgaben einsetzen“ soll.

Das Ansinnen ist verständlich. Nur verschwindet die eine Krise eben nicht, weil die Welt gerade eine andere bekämpft. Was viele Manager, anders als so manche Lobby-Äußerung vermuten lässt, übrigens ganz ähnlich sehen. „Der Kampf gegen die Pandemie darf jetzt keine Ausrede beim Kampf gegen den Klimawandel sein“, schreibt Daimler-Chef Ola Källenius in einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. „Der Erfolg bei der Digitalisierung entscheidet über die Zukunft vieler Unternehmen, der Erfolg bei der Dekarbonisierung entscheidet über die Zukunft unseres Planeten.“ Seine Botschaft lautet deshalb: „Wir stehen zu den beschlossenen CO2-Zielen.“

Mit seinem Bekenntnis ist Källenius im Kollegenkreis deutscher CEOs keineswegs allein. Mehr als 60 Unternehmen, darunter thyssenkrupp, E.on und HeidelbergCement, haben sich im Vorfeld des 11. Petersberger Klimadialogs (der Ende April per Videokonferenz abgehalten wurde) an Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt. „Schonungslos“, heißt es in ihrem gemeinsamen Appell, „zeigt die Pandemie die Verletzlichkeit unseres globalisierten Wirtschaftssystems“ auf. „In dieser Hinsicht stellt uns der Klimawandel vor eine vergleichbare Herausforderung, auf die wir im Gegensatz zu Covid-19 besser vorbereitet sind.“

Vorausgesetzt, die Warnungen der Klimawissenschaftler werden künftig ebenso ernst genommen wie die Warnungen der Virologen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Ökologie und Ökonomie müssen sich dabei keineswegs im Weg stehen. „Diese Krise ist auch eine gewaltige Chance“, sagt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. „Wir haben jetzt die Möglichkeit, Milliarden in Unternehmen und Infrastruktur zu investieren. Warum dann nicht gleich in klimafreundliche Projekte, die der nächsten Generation helfen?“

Ja, warum eigentlich nicht? Im Gespräch mit Morning- Briefing-Herausgeber Gabor Steingart sagte Simone Bagel-Trah, Aufsichtsratsvorsitzende des Konsumgüterkonzerns Henkel, kürzlich: „Corona bietet eine Chance, Dinge nun anders zu betrachten. Einen Perspektivenwechsel einzunehmen, intensiver über sich, sein Leben, seine Arbeit und die Welt insgesamt nachzudenken.“

Möglicherweise in die Richtung des Oxforder Top-Ökonomen Ian Goldin. In seinem Buch „The Butterfly Defect“ beschreibt er, warum die Globalisierung immensen Reichtum für uns alle geschaffen, die Gefahr eines systemischen Risikos aber zugleich drastisch erhöht hat. Ganz einfach, weil kolossale Krisen heute nicht mehr einzelne Nationen treffen, sondern die Welt insgesamt. Das war in der Finanzkrise 2008/2009 so, ist in der aktuellen Corona-Krise nicht anders – und wird sich auch bei einer möglichen Klimakatastrophe wiederholen.

Insofern ist die Pandemie vielleicht wirklich ein Weckruf zur Besinnung. Denn ihre Folgen liefern einen Ausblick darauf, was der Menschheit drohen könnte, sollte es nicht gelingen, den Klimawandel aufzuhalten. Dazu bräuchte es, anders als im Fall der gegenwärtigen Virus-Seuche, noch nicht einmal eine Verständigung unter allen Staaten dieser Welt. Ein paar würden schon reichen, um das Problem zu entschärfen – darunter in erster Linie China, die USA und Indien, gefolgt von Russland, Japan und Deutschland. „90 Prozent der CO2-Emissionen“, sagt Goldin, „stammen von einigen wenigen Staaten.“

AUFGETAUCHT: In Venedig standen Kreuzfahrtschiffe still. Berichte über Delfine bewahrheiteten sich allerdings nicht.

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