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Pure Energie

Bis 2030 will Deutschland seinen Energiebedarf zu 65 Prozent aus Ökoquellen speisen. Unmöglich ist das nicht, aber dafür muss noch ziemlich viel geschehen. Ein Zustandsbericht. Von Stefan Schmortte

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Der 30. Juli 2020 ist ein neuer historischer Tag im deutschen Kalender, auch wenn er noch nicht in den Geschichtsbüchern verzeichnet ist. An diesem Tag gibt der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) in Berlin bekannt, dass zwischen Januar und Juni 2020 erstmals mehr als die Hälfte des Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Energien gedeckt werden konnte. Exakt 50,2 Prozent – vorrangig gewonnen aus Wind- und Sonnenkraft.

Das erklärte Ziel der Bundesregierung, bereits in zehn Jahren 65 Prozent des Energiebedarfs aus Ökoquellen zu speisen, scheint damit in greifbare Nähe zu rücken. Ein Land ohne Atom- und Kohlekraftwerke, mehrheitlich angetrieben von der Kraft der Natur. Ohne übermäßige CO2-Emissionen, im Einklang mit den Weltklimazielen von Paris und energieffizient bis in die Schlipsspitze. Nur, so einfach funktioniert die Sache leider nicht.

Dass Deutschland – Corona-bedingt – zuletzt weniger Elektrizität verbrauchte (minus 5,7 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2019), ist keine große Überraschung. Geschlossene Fabriken verbrauchen nun mal keinen Strom. Erstaunlicher schon ist die Annahme der Bundesregierung, der Energiebedarf werde auch künftig nicht weiter steigen. In der Drucksache 19/17362 formuliert die Große Koalition, es sei gegenwärtig davon auszugehen, „dass sich der Bruttostromverbrauch ... im Jahr 2030 im Bereich des heutigen Niveaus bewegen dürfte.“

Das wären in etwa 575 Terawattstunden (TWh) – gut sieben Prozent weniger als noch vor zehn Jahren. Ein Szenario, das BDEW-Chefin Kerstin Andreae allerdings für wenig wahrscheinlich hält. Denn mit der zunehmenden Elektrifizierung des Verkehrs und dem erhöhten Einsatz von grünem Wasserstoff in den Produktionsanlagen der Industrie seien ganz andere Bezugsgrößen maßgeblich, trotz aller Bemühungen um mehr Energieeffizienz. „Wir werden viel mehr sauberen Strom brauchen“, sagt sie. „Hier wünsche ich mir ehrliche Ansagen.“ Eine paar dieser Ansagen stammen vom Energiewissenschaftlichen Institut der Universität Köln (EWI). Ein Forscherteam dort hat errechnet, dass:

  • allein die angestrebte Verkehrswende 64 TWh zusätzlichen Strom bis 2030 benötigen wird (bei dann sieben Millionen Elektro- und gut elf Millionen Hybridfahrzeugen),
  • plus 17 TWh im Gebäudebereich durch den vermehrten Einsatz elektrischer Wärmepumpen anfallen
  • und noch mal 55 TWh im Industriesektor für die Herstellung von grünem Wasserstoff.

In Summe gehen die EWI-Experten davon aus, „dass der Bruttostromverbrauch bis 2030 auf 748 TWh steigen“ wird – fast ein Drittel mehr als von der Bundesregierung angenommen. Weil sie auch den Ausbau der erneuerbaren Energiequellen weniger optimistisch einschätzen als die Politiker in Berlin, kommen die Studienautoren Max Gierking und Tobias Sprenger zu dem ernüchternden Fazit: „Das 65-Prozent-Ziel wird voraussichtlich verpasst.“

Womöglich sogar sehr deutlich. Denn ausgerechnet in jener Branche, die am meisten Ökostrom liefert, herrscht momentan die große Flaute. Beaufort null sozusagen.

Nur 186 Windkraftanlagen wurden in Deutschland im ersten Halbjahr 2020 neu in Betrieb genommen – mit einer Bruttoleistung von 587 Megawatt. „Das ist das zweitschwächste Ergebnis innerhalb der vergangenen 15 Jahre“, sagt Jürgen Quentin, Referent bei der Berliner Fachagentur Windenergie an Land. Gegenüber dem ersten Halbjahr 2019 sei der Zubau zwar leicht gestiegen, „aber allenfalls vom niedrigsten auf ein sehr niedriges Niveau“.

Lange Genehmigungsverfahren, klagefreudige Anwohner und die umstrittene Abstandsregel von 1.000 Metern zu den nächstgelegenen Wohngebäuden haben den Markt fast zum Erliegen gebracht. „Wenn es gut läuft“, sagt Quentin, „ergehen in diesem Jahr noch Genehmigungen für 2.500 bis 3.000 Megawatt Windkraft.“ Aber um das Ökostrom-Ziel der Bundesregierung zu erreichen, müssten es doppelt so viele sein. „Für den Klimaschutz reicht das derzeitige Niveau hinten und vorne nicht.“

Vor allem dann nicht, wenn die Industrie mit der Dekarbonisierung ihrer Produktion wirklich Ernst macht. BASF will nach den Worten von Unternehmenschef Martin Brudermüller bis 2030 zumindest „klimaneutral wachsen“. Thyssenkrupp hat gerade angekündigt, bis dahin drei Millionen Tonnen Stahl CO2-frei herstellen zu wollen, ein gutes Viertel der bisherigen Jahresproduktion. Und auch Daimler-CEO Ola Källenius ist sich mit seinen Branchenkollegen darin einig, dass ihr Geschäftszweig jetzt schnellstmöglich ergrünen muss. In allen Werken weltweit, sagt er, „streben wir die CO2-neutrale Produktion bis Ende 2022 an“.

Wasserstoff ist der neue Hoffnungsträger in den Vorstandsetagen der deutschen Industrie. Denn das geschmacks- und geruchlose Gas besitzt einen sehr entscheidenden Vorteil gegenüber konventionellen Kraftstoffen wie Kohle und Öl. Bei seiner Verbrennung entstehen weder giftige Stick- noch Kohlendioxide. Was am Ende aus den Schornsteinen entweicht, ist nicht viel mehr als heiße Luft und rückstandsfrei.

Nur leider gibt es den Wasserstoff auf Erden nicht umsonst. Man muss ihn herstellen. 224 TWh regenerativ erzeugten Strom jährlich bräuchte allein die chemische Industrie, um ihre Treibhausgasemissionen bis 2050 um 61 Prozent zu senken, bilanziert eine Auftragsstudie des Branchenverbands VCI, durchgeführt vom Forschungsinstitut Dechema in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen FutureCamp. Um die Emissionen auf null abzusenken, seien sogar 685 TWh nötig – also mehr, als die gesamte Stromproduktion Deutschlands ausmacht, und sogar dreimal mehr, als grüner Strom derzeit überhaupt zur Verfügung steht. Und damit wäre künftig nur der Bedarf einer Branche abgedeckt. In der Stahlindustrie (hier kalkuliert die Wirtschaftsvereinigung der Hersteller mit 12.000 zusätzlich benötigten Windrädern) dürfte der Mehrbedarf an grünem Strom ebenfalls immens steigen, um die CO2-Ziele mittels Wasserstoffeinsatz zu erreichen. Ohne den massiven Ausbau regenerativer Energien, darin sind sich alle Experten deshalb einig, ist das nicht zu schaffen.

NATURGEWALT: 99 Prozent der Erdmasse sind über 1.000 Grad heiß. Manchmal bricht sich diese Kraft Bahn. Wie hier in Island im August 2014.

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Die Digitalisierung gilt gemeinhin zwar als Teil der Lösung, weil sich die Welt dank ihr sehr viel nachhaltiger managen lässt. Aber leider stimmt auch diese Geschichte nur zur Hälfte. Denn das Internet als infrastrukturelle Basis der Digitalisierung besitzt ebenfalls einen Auspuff – zwar weithin unsichtbar, aber ziemlich groß.

Eine einzige Anfrage über Googles Suchmaschine verursacht – je nach Expertenrechnung – zwischen 0,2 und 1,45 Gramm Kohlendioxid. Das klingt nach wenig, entspricht bei weltweit 3,8 Millionen Suchanfragen pro Minute nach konservativster Hochrechnung aber einem Ausstoß von mindestens 760 Kilogramm CO2. Und zwar innerhalb von nur 60 Sekunden.

Das Problem ist nicht der Computer auf dem Schreibtisch und auch nicht das Smartphone in der Hosentasche. Es sind die unsichtbaren Maschinen hinter den Maschinen, die jede Menge Strom verbrauchen. Also die Millionen von heiß laufenden Servern in den Rechenzentren dieser Welt, die gewaltige Informationsmengen verarbeiten, auf 22 bis 24 Grad heruntergekühlt werden müssen und in der Cloud bereithalten, was wir permanent abrufen. Zum Beispiel all die Filme, die wir über Streamingdienste wie Netflix & Co. konsumieren. „Wäre das Internet ein Land“, sagt Niklas Schinerl, Greenpeace-Experte für Energie, „hätte es weltweit den sechstgrößten Stromverbrauch.“ Gleich hinter Ländern wie Russland und Japan.

Je nachdem, wer welche Expertenschätzung zurate zieht, kommt für die Zukunft zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Mal soll sich der Stromverbrauch durch die Informationstechnologie bis 2030 verdoppeln, mal sogar noch stärker steigen. Allein der neue Mobilfunkstandard 5G wird den Energiebedarf der hiesigen Rechenzentren bis 2025 laut einer Auftragsstudie von E.on, angefertigt von der Technischen Hochschule Aachen, um „bis zu 3,8 Terawattstunden“ Strom erhöhen – ausreichend, um die Einwohner der Städte Köln, Düsseldorf und Dortmund ein Jahr lang mit Energie zu versorgen.

LICHTGESTALT: Sonnenenergie spielt eine wichtige Rolle. 2019 betrug der Anteil des Solarstroms 8,2 Prozent des gesamten Stromverbrauchs.

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Der Strom kommt bekanntlich aus der Steckdose. Die Frage ist allerdings, wie er möglichst sauber dort hineinkommt. An einer wahrhaft revolutionären Idee arbeiten momentan die Ingenieure in einem Versuchsreaktor im Süden Frankreichs. „International Thermonuclear Experimental Reactor“, kurz Iter, nennt sich dieses Projekt. Es gilt als das größte Wissenschaftsvorhaben der Welt – unter Beteiligung von Ländern der Europäischen Union, China, Indien, Japan, Russland, Südkorea und den Vereinigten Staaten.

Das technische Verfahren, an dem die Forscher in der beschaulichen 900-Einwohner-Gemeinde Saint-Paul-lès-Durance arbeiten, ist hoch kompliziert. Vereinfacht gesagt, geht es darum, im Inneren eines Fusionsreaktors eine Art Sonne auf der Erde nachzubilden – mit Plasma als quasi unbegrenztem Energielieferanten. Ohne radioaktiven und atmosphärischen Müll. Auf unglaubliche 100 Millionen Grad müssen die Forscher die Zündtemperatur im Inneren ihres Reaktors erhitzen, aber wenn das Feuer dann erst einmal brennt, soll es auch liefern. 90.000 Kilowattstunden Energie unter Einsatz von nur einem Gramm Brennstoff.

Die Hoffnungen, die an das Projekt geknüpft werden, sind sehr groß, aber bis der Fusionsreaktor steht und im Dezember 2025 im Testbetrieb erstmals anlaufen soll, werden noch mindestens viereinhalb Jahre vergehen. Schon heute hinkt Iter (geschätzte Kosten: 20 Milliarden Euro und damit 15 Milliarden mehr als beim Baustart 2007 kalkuliert) dem Zeitplan weit hinterher. Dennoch will Bundesforschungsministerin Anja Karliczek an der deutschen Beteiligung festhalten. „Die weltweit steigende Energienachfrage erfordert es, (...) technologieoffen eine breite Palette von Optionen für die künftige Energieversorgung zu beforschen“, heißt es aus ihrem Haus.

Die Argumente der Projektbefürworter sind nachvollziehbar. Denn neben dem Ausbau von Wind- und Sonnenkraft sind neue Verfahrenstechniken und Energiequellen unerlässlich, um den künftigen Mehrbedarf an regenerativ erzeugtem Strom zu decken. Auch die Geothermie, ein hierzulande noch kaum ausgeschöpftes Potenzial, könnte dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Allein im Großraum München schätzen Experten das nutzbare Potenzial auf 350 bis 400 Megawatt – genug, um 560.000 Haushalte klimaneutral mit Wärme zu versorgen.

Die australische Lösung dürfte hingegen weniger ergiebig sein. Dort hat ein Klärwerk nahe Adelaide jüngst abgelaufenes Bier – angefallen während des Corona-Lockdowns – dazu genutzt, um unter Zumischung von Klärschlamm Biogas für die Stromerzeugung herzustellen. Ausreichend für die Versorgung von 1.200 Haushalten. Aber diese Menge dürfte selbst einem Bierland wie Deutschland kaum weiterhelfen, um seinen künftigen Strombedarf zu decken. Und außerdem: Dazu ist unser Bier doch auch viel zu schade.

iter_projekt © ITER Organization, http://www.iter.org/

VORBILD NATUR: Seit mehr als drei Milliarden Jahren nutzt die Natur das Sonnenlicht für die Fotosynthese.

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Wasserstoff - Das erste Element

Der Stoff, aus dem die Träume sind, steht im Periodensystem der Elemente ganz oben links: Ordnungszahl 1, Symbol H. Vorhanden in beinahe jeder organischen Verbindung, ist das Material der wahre Tausendsassa im Universum. 14-mal leichter als Luft und bei Temperaturen von 20,27 Kelvin (minus 253 Grad Celsius) einfach zu veflüssigen: „Hydrogenium“, besser bekannt unter seinem Namen Wasserstoff.

Die Politiker, egal welcher Couleur, geraten geradezu ins Schwärmen, wenn sie dieser Tage darüber debattieren. SPD-Umweltministerin Svenja Schulze spricht von dem „zentralen Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität“. Und selbst FDP-Chef Christian Lindner, ansonsten eher um kritischen Abstand zu den Großkoalitionären bemüht, twittert enthusiastisch, daraus ließe sich „das neue Öl“ machen.

Die Begeisterung ist verständlich. Das farblose Gas bleibt bei seiner Verbrennung sauber und rückstandsfrei. Aber wie fast jede schöne Geschichte hat auch diese einen kleinen Haken. Denn so inflationär Wasserstoff auf Erden auch vorhanden ist, in reiner Form gibt es ihn so gut wie nirgends. Man muss ihn herstellen – mittels Elektrolyse. Erst wenn Strom durch Wasser fließt, spaltet sich das Nass in seine Bestandteile auf: in Sauerstoff?, der CO2-neutral in die Atmosphäre entweichen kann, und in Wasserstoff, der sich so hervorragend als Energieträger nutzen lässt.

Die entscheidende Frage lautet deshalb, wieder Herstellungsprozess künftig ablaufen soll. Von „grauem“ (gemeint: dreckigem) Wasserstoff spricht die Farbenlehre der Wissenschaft, wenn dabei Strom aus fossilen Quellen zur Anwendung kommt und die Emissionen ungehindert in die Atmosphäre gelangen. „Blau“ heißt die Variante, wenn die CO2-Rückstände die Umwelt nicht belasten, sondern durch „Carbon Capture and Storage“-Verfahren (CCS) gespeichert werden. Aber richtig „grün“ wird der Wasserstoff erst dann, wenn er schadstofffrei mit Ökostrom erzeugt wird – also zum Beispiel mit Windenergie.

Davon bräuchte es in Zukunft allerdings eine ganze Menge. Um den weltweit in der Industrie eingesetzten grauen Wasserstoff auf Grün umzustellen, bilanziert eine Studie der Boston Consulting Group (BCG), wären circa 3.500 Terawattstunden erneuerbarer Strom nötig – ungefähr so viel, wie die Europäische Union im Jahr erzeugt. An einen flächendeckenden Einsatz im Individualverkehr glauben die BCG-Experten daher nicht. „Aufgrund ihrer höheren Energieeffizienz und der bereits vorhandenen Infrastruktur“, schreiben sie in ihrer Studie, „haben Elektroautos Kostenvorteile, die Brennstoffzellen-Fahrzeuge so schnell nicht erreichen werden.“

Priorisiert wird der Wasserstoffeinsatz in der industriellen Anwendung. Hier könnte die sogenannte Sektorenkopplung helfen, künftige Engpässe zu vermeiden. „Derzeit werden Windstromüberschüsse im Norden Deutschlands abgeregelt und bleiben ungenutzt“, sagt Thomas Peiß, Energieexperte im Research-Team der BayernLB. „Mit der wasserstoffbasierten Sektorenkopplung könnten diese Überschüsse methanisiert, gespeichert und bei Bedarf nachfrageorientiert (...) abgerufen werden.“ Verbunden mit dem Vorteil, dass auch die Effizienz der Windparks dadurch deutlich steigen könnte.

Die wohl ambitionierteste Lösung auf dem Weg zu einer sauberen Wasserstoff-Gesellschaft steckt derzeit noch im Labor. Vorbild ist Mutter Natur, die den Energielieferanten schon seit Jahrmillionen auf eleganteste Weise herstellt. Ohne Zufuhr von Strom, völlig geräuschlos und höchst effizient. Jedes grüne Blatt beherrscht die Kunst, Regen mit bloßem Sonnenlicht in Sauerstoff und Wasserstoff zu spalten.

Fotosynthese heißt der Trick der Natur, den Forscher jetzt nachahmen wollen – zum Beispiel am Helmholtz-Zentrum im schleswig-holsteinischen Geesthacht. Dort arbeiten Wissenschaftler unter Werkstoffprofessor Thomas Klassen daran, eine Art künstliches grünes Blatt zu erschaffen, das ähnlich perfekt funktioniert. „Wir stellen foto- und elektrochemisch aktive Oberflächen her, die wir mit künstlichen Sonnen anstrahlen“, sagt er. „An der Halbleiteroberfläche werden dadurch Ladungsträger erzeugt“, die in einem mehrstufigen Prozess dazu führen, dass am Ende „Wasserstoff entsteht“.

Klingt nicht ganz einfach und ist es auch nicht. Zwar übertrifft der im Labor erzielte Wirkungsgrad teilweise schon die Leistung eines natürlichen Blattes, aber leider nicht sehr lange. Während sich die Blätter in der Natur ständig erneuern, korrodieren die künstlichen Oberflächen und verlieren schnell an Effizienz. Bis Wasserstoff auf diese Art und Weise in größeren Anlagen produziert werden kann, schätzt Klassen, werden wohl noch zehn Jahre vergehen.

Dennoch: Die Vision der Forscher – mit größeren Wasserstofffarmen in südlichen Ländern, in denen der Rohstoff mit Sonnenenergie dereinst produziert und dann per Brennstoffzellen-Lkw in unsere Breiten geliefert werden könnte – klingt einfach zu verlockend, um nicht ein bisschen davon zu träumen. Quasi von einem Perpetuum mobile der Energieerzeugung – einmal in Gang gesetzt, auf ewig in Bewegung und so ökologisch arbeitend wie Mutter Natur.

NATURSCHÖNHEIT: Das Drohnenbild zeigt den Strokkur-Geysir in Island kurz vor dem Ausbruch.

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Geothermie - Die Kraft der Erde

Wenn im Jahr 2038 das letzte deutsche Kohlekraftwerk vom Netz geht, sollten die Sektkorken besser nicht zu laut knallen. Denn die Kraftwerke pusten bei der Stromproduktion nicht nur jede Menge Dreck in die Luft, sondern heizen mit ihrer Abwärme nebenbei auch Deutschlands Wohnzimmer.

Fast sechs Millionen Haushalte werden derzeit mit Fernwärme versorgt, die meisten davon in Stadtstaaten wie Hamburg oder Berlin, gefolgt von den Ballungsräumen im Ruhrgebiet. Überall dort ist Kohle bis heute die Hauptenergiequelle für die mollige Wärme auf dem heimischen Sofa – mit Lieferquoten von bis zu 60 Prozent.

Das ist zwar kein Argument für den Weiterbetrieb der Kohlekraftwerke. Sie stehen tatsächlich für eine der klimaschädlichsten Formen der Energieerzeugung (selbst Datteln IV, eine Anlage modernster Bauart, stößt jährlich mindestens sechs Millionen Tonnen CO2 aus). Aber, diese Frage muss erlaubt sein: Woher soll die Fernwärme morgen kommen, wenn die Kraftwerke erst einmal abgeschaltet sind? Die absehbaren Engpässe, notiert die Expertenkommission der Bundesregierung in ihrem Abschlussbericht nicht ohne Sorge, könnten „zu ganz erheblichen Herausforderungen für die Wärmeversorgung führen“.

Solarthermische Großanlagen, die im Gegensatz zur Photovoltaik Wärme statt Strom erzeugen, wären eine Alternative, sind in Deutschland aber kaum verbreitet. „Der Anteil am Fernwärmeumsatz ist bisher vernachlässigbar gering“, sagt Thomas Pauschinger, Mitglied der Geschäftsleitung beim Stuttgarter Forschungsinstitut Solites.

Und daran dürfte sich – zumindest im großstädtischen Raum – auch künftig wenig ändern. Denn anders als im ländlichen Bereich, wo zum Beispiel die Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim gerade erst eine Solarthermieanlage mit einer Kollektorfläche von 14.800 Quadratmetern in Betrieb genommen haben, fehlt es in Großstädten wie Köln, Hamburg oder Berlin schlicht am notwendigen Platz dafür.

Sehr viel mehr Chancen räumen Experten deshalb einer Energiequelle ein, die tief im Boden steckt und sich ohne zusätzlichen Flächenbedarf nutzen ließe. Immerhin 99 Prozent der Erdmasse sind heißer als 1.000 Grad. Ein enormes Potenzial, das zudem jederzeit verfügbar ist – am Tag und in der Nacht, im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Klimaneutral und über Jahrhunderte hinweg anzapfen: Erdwärme.

Nur leider herrscht auch in Sachen Tiefengeothermie in Deutschland noch immer große Zurückhaltung. Es ist die so typische „German Angst“, die das Thema vielerorts dominiert. „Ist das nicht gefährlich?“, fragen

besorgte Bürger, wenn die Sprache darauf kommt. Sie denken dann an das umstrittene Fracking, an mögliche Erdbeben und andere seismische Verwerfungen. Die Ängste sind verständlich, in diesem speziellen Fall aber wohl übertrieben.

Zugegeben, man muss schon etwas tiefer bohren, um den Feuerball Erde effizient nutzbar zu machen. Erst in über zwei Kilometern Tiefe ist das Wasser mit 80 Grad heiß genug, um daraus Fernwärme zu gewinnen. Aber wie so oft im Leben kommt es auch hier auf die richtige Technik an. Hydrothermale Bohrungen entnehmen das heiße Wasser aus der Tiefe und pressen die gleiche Menge wieder zurück. Im besten Fall entsteht so ein geschlossener Wasserkreislauf, der zuverlässig Wärme nach oben fördert, ohne die verborgene Topografie im Untergrund zu stören.

Selbst die Experten beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), in der Regel kritisch bei Eingriffen in das Ökosystem, schreiben in einem aktuellen Positionspapier zum Thema: „Mit der Nutzung von Wärme aus hydrothermalen Systemen kann ein deutlicher Beitrag zum Ersatz fossiler Wärmeerzeugung geleistet werden.“

Zumindest dort, wo es geologisch sinnvoll ist. Wie zum Beispiel im Großraum München. Dort haben die Stadtwerke (SWM) schon sehr frühzeitig auf diese vielversprechende Technologie gesetzt. 2004 nahmen sie ihre erste Anlage in der Messestadt Riem in Betrieb und decken mit dem heißen Thermalwasser aus 3.000 Metern Tiefe bis heute 88 Prozent des Wärmebedarfs im Viertel. Ihr neuestes Projekt, nach mehreren Geothermiekraftwerken im Landkreis, soll 2021 im Stadtteil Sendling in den Regelbetrieb gehen – mit rund 50 Megawatt Wärmeleistung für 80.000 Münchnerinnen und Münchner.

Ihrem selbst gesetzten Ziel, bis 2040 den Bedarf an Fernwärme CO2-neutral zu decken, kommen die Stadtwerke damit immer näher. Dietfried Bruss, Leiter der Standortentwicklung Geothermie bei den SWM, schätzt das nutzbare Potenzial in der Region „auf 350 bis 400 Megawatt“, was dem „Wärmeverbrauch von 560.000 Haushalten“ entspricht. Das macht Mut und lässt ho.en, dass die Vision der baden-württembergischen BUND-Geschäftsführerin Sylvia Pilarsky-Grosch tatsächlich bald Wirklichkeit wird. Anlässlich der Ankündigung der Regierung in Stuttgart, den Ausbau von Erdwärme auch im Schwabenland zu fördern, gab sie kürzlich zu Protokoll: „Gemeinsam mit anderen erneuerbaren Wärmequellen wie Solarthermie, Umweltwärme aus Flüssen und Biomasse wird die Geothermie das Rückgrat unserer zukünftigen Wärmeversorgung bilden.“

VOM WIND VERWEHT: Im Gebirgszug Coyote Buttes in Arizona hat der Wind Streifen im Sandstein hinterlassen.

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Windenergie - Der Kampf gegen die Rotoren

Die Situation könnte paradoxer kaum sein: Da ist einerseits die politische Absichtserklärung, Deutschland wolle ab dem Jahr 2050 klimaneutral wirtschaften. Und auf der anderen Seite mehren sich die Unternehmensmeldungen, die so gar nicht dazu passen wollen.

Senvion, einer der ältesten Windkraftkonzerne Deutschlands, musste bereits im April 2019 Insolvenz anmelden und ist mittlerweile zerschlagen.

Nordex, Deutschlands Nummer zwei im Onshore-Markt, schreibt seit 2018 rote Zahlen und gibt auch für das erste Halbjahr 2020 Verluste bekannt. In Summe: 70,8 Millionen Euro. Und Enercon, der Branchenprimus aus Aurich, will jetzt offenbar noch mehr Stellen streichen. Zusätzlich zu den 3.000 Jobs, deren Abbau das Unternehmen bereits im vorigen November angekündigt hat. „Die Politik hat uns den Stecker gezogen“, sagt Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig. Lieferten seine Ingenieure in ihren besten Jahren mehr als 700 neue Anlagen deutschlandweit aus (insgesamt 17.000 der 29.000 Windräder im Land tragen am Fundament heute die grünen Enercon-Ringe), war es im ersten Halbjahr 2020 nur noch rund ein Zehntel davon. Wie kaum ein anderes Unternehmen steht der Konzern deshalb für den Aufstieg der heimischen Windenergiebranche. Und könnte nun auch zum Synonym für deren schwerste Krise werden. Woran die Politik – darin hat Kettwig zum Teil recht – nicht ganz unschuldig ist.

Es ist ein nur sehr schwer zu durchschauendes Bürokratie- Dickicht aus Anreizen und Restriktionen, die den Ökostrom-Markt bis heute regulieren. Am Anfang steht das Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz EEG, das im Jahr 2000 in Kraft tritt und die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Quellen regelt – mit festen Vergütungssätzen für die Anbieter von Wind-, Sonnen- oder Geothermiekraft. 2017 dann folgt die entscheidende Novelle. Statt fester Zahlungen für jede Kilowattstunde Strom sollen die Anbieter von nun an in Konkurrenz zueinander treten. „Die Windenergie“, sagte der seinerzeit zuständige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, „braucht keinen Welpenschutz mehr.“

Das hatte ein paar ungewollte Nebenwirkungen. Windparks in Bürgerhand, ein weiteres Ziel der Novelle, wurden von nun an großzügig zugelassen, aber aufgrund fehlender Finanzierungen und Genehmigungen nie gebaut. Die etablierten Anbieter hingegen – in erster Linie die Konzerne Vestas, Enercon und Nordex – zogen ihre Projekte vor, um noch von den alten Konditionen profitieren zu können. Insgesamt fast 10.000 Megawatt Leistung installierten sie in den Jahren 2016 und 2017, so viel wie niemals zuvor. Was in der Folge dann immer mehr Windkraftgegner auf den Plan rief, die gegen die zunehmende „Verspargelung der Landschaft“ protestierten. Die Projekte der Industrie wurden so immer schwerer kalkulierbar, auch für die finanzierenden Banken. Und so folgte auf den Boom die Ernüchterung. Bis heute hemmen Bürgerproteste den Ausbau der Windenergie an Land.

„Mindestens jede fünfte genehmigte Anlage wird beklagt“, sagt Experte Jürgen Quentin. Ein Grund ¨ndet sich fast immer. Der wichtigste, neben vermeintlichen Verfahrensfehlern und Ruhestörung, lautet Artenschutz oder wie es auch heißt: „Schlagopferzahlen“. Bis zu 100.000 Vögel, klagen die Naturschützer, würden jährlich von Windrädern geschreddert.

Was die Artenschützer nicht erwähnen: 240.000 Vögel verenden täglich, weil sie irgendwo in Europa gegen Fensterscheiben fliegen. „Ein Windrad“, sagt Franz Alt, der früher das ARD- Politmagazin Report moderierte und sich heute für den Ausbau regenerativer Energien einsetzt, „tötet pro Jahr drei bis vier Vögel, eine Katze 25. Ich habe noch nie gehört, dass jemand fordert, Katzen zu verbieten.“

Katzen wohl nicht, Windräder aber vielleicht schon bald. Wenn am Jahresende die EEG-Förderung nach 20 Jahren ausläuft, erlischt gewissermaßen auch ihre Betriebsgenehmigung. Die Netzbetreiber müssen dann keinen Strom mehr von ihnen abnehmen, auch wenn zahlreiche Altanlagen selbst ohne großzügige Subventionen noch viele Jahre weiterlaufen könnten. Bis 2025 stehen nach Erhebungen der Fachagentur Windenergie etwa 12.000 Rotoren vor dem Aus, fast ein Viertel der installierten Leistung an Land.

„Repowering“ könnte eine Lösung sein, also der Bau sehr viel leistungsfähigerer Windräder an den alten Standorten, wenn die neu erlassenen Abstandsregeln (in Bayern derzeit 10H, was bedeutet, dass Windräder mindestens das Zehnfache ihrer Höhe von Häusern entfernt sein müssen; in der Praxis mindestens zwei Kilometer) nicht dagegen sprechen würden. „Wenn der Bund jetzt nicht die Reißleine zieht“, sagt Olaf Lies, Umweltminister in Niedersachsen, „steht Deutschland vor einem gigantischen Rückbau von Windenergie mit allen Folgen für eine CO2-freie Stromerzeugung.“