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Warum müssen wir die Energiewende neu denken, Frau Grimm?

Wasserstoff wird in einer klimaneutralen Industriegesellschaft das entscheidende Puzzleteil sein. Es schließt die Lücke zwischen regenerativ erzeugtem Strom und energieintensiven Anwendungen in der Wärmeversorgung, der Industrie und der Mobilität. Prof. Dr. Veronika Grimm, Vorständin des Zentrums Wasserstoff.Bayern und Mitglied des Sachverständigenrats, über das ungeheure Potenzial des Elementarteilchens. Von Maren Lohrer

© Sebastian Lock

Die Wirtschaftsweise

Veronika Grimm (Jahrgang 1971), Professorin für Volkswirtschaftslehre an der FAU Erlangen-Nürnberg, ist seit April 2020 Mitglied des Sachverständigenrats. Neben dieser Beratungstätigkeit als Wirtschaftsweise ist sie in weiteren Gremien und Beiräten aktiv, unter anderem im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), im Zukunftskreis des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sowie im Energy Steering Panel des European Academies Science Advisory Council (EASAC). Zudem ist sie Vorständin des Zentrums Wasserstoff.Bayern. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verhaltensökonomik, experimentelle Wirtschaftsforschung, Industrieökonomik, Auktionen und Marktdesign, Energiemärkte. Sie lebt mit ihrer Familie in Nürnberg.

Wasserstoff wird perspektivisch zum entscheidenden Energieträger.
Veronika Grimm

Warum müssen wir die Energiewende neu denken, Frau Grimm?

Wir müssen sie nicht neu, sondern zu Ende denken. Die EU peilt nun klar die Klimaneutralität bis 2050 an. Es geht also darum, regenerativ erzeugten Strom zu nutzen, um die Sektoren Wärme, Mobilität und die Industrie zu dekarbonisieren bzw. zu defossilisieren. Zum Teil geht das über die direkte Elektrifizierung, zum Teil jedoch nicht. Da kommen dann klimaneutraler Wasserstoff und darauf basierende synthetische Energieträger ins Spiel. Um das Potenzial einer Wasserstoffwirtschaft für den Klimaschutz, aber auch für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie zu erschließen, braucht es nun ein strategisches Vorgehen in Deutschland, aber auch EU-weit.

Welche Rolle spielt Wasserstoff bei der Umsetzung des europäischen Green Deal?

Einige Bereiche wie zum Beispiel der Schwerlastverkehr, die Schifffahrt, die Luftfahrt oder Teile der Industrie lassen sich nicht durch direkte Elektrifizierung klimaneutral stellen. Der Weg führt dann über klimaneutralen Wasserstoff und darauf aufbauende synthetische Kraftstoffe. Dafür müssen ganz neue Wertschöpfungsketten aufgebaut werden: von der Erzeugung durch die Aufspaltung von Wasser mittels Elektrolyse über den Transport und die Logistik des Wasserstoffs bis hin zu den vielfältigen Anwendungen. In der Produktion von Schlüsselkomponenten für eine solche Wasserstoffwirtschaft liegt dabei gleichsam ein großes Potenzial für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen und europäischen Industrie.

Welche Funktionen kann der Wasserstoff hierbei noch erfüllen?

Wasserstoff kann grünen Strom über lange Zeiträume speichern und auch über weite Strecken transportieren. Damit wird Wasserstoff perspektivisch zum entscheidenden Energieträger im Rahmen einer globalen klimaneutralen Energielogistik.

Das klingt nach ferner Zukunftsmusik. Wie realistisch ist es, Wasserstoff mittelfristig als Hauptenergieträger einzusetzen?

Das braucht Zeit, so ist es in den Strategien aber auch angelegt. Technologisch sind wir schon heute zu vielem in der Lage. Aber die Anwendungen sind meist noch auf dem Manufakturniveau. Es ist daher wichtig zu skalieren, um die Kosten runterzubringen. Etwa bei Elektrolyseuren oder bei den Fahrzeugen. Darüber hinaus benötigen wir Infrastrukturen.

Die Industrie meint, dass es ganz ohne blauen Wasserstoff nicht funktionieren kann. Da wird der Wasserstoff aus fossilen Energieträgern produziert und das dabei entstehende CO2 abgeschieden und im Boden verpresst. Auch der Entwurf der Nationalen Wasserstoffstrategie schließt blauen Wasserstoff als Option ausdrücklich mit ein. Wie stehen Sie dazu?

Der Wasserstoff im Jahr 2050 muss grün sein, also mittels Elektrolyse von Wasser erzeugt werden. Wie wir jedoch dahin kommen, darüber scheiden sich die Geister. Ich wäre vorsichtig dabei, schon im Vorhinein festlegen zu wollen, welche Farbe nun genau der Wasserstoff zu jedem beliebigen Zeitpunkt haben sollte. Denn so kommen wir nicht voran. In Deutschland wird es vermutlich viele Vorbehalte gegenüber der Herstellung blauen Wasserstoffs geben. In anderen Ländern ist das nicht so. Meine Prognose ist, dass wir im Übergang durchaus blauen Wasserstoff importieren werden.

Sprechen in Deutschland nicht auch die hohen Strompreise gegen das Betreiben von Elektrolyseuren? Wie lassen sich die Energiekosten sinnvoll umbauen?

Wir müssen sehr konsequent die Energiebepreisung reformieren, um einen Hochlauf von Aktivitäten entlang der Wasserstoff-Wertschöpfungskette in Gang zu bringen. Vieles in Sachen Sektorenkopplung – also Nutzung erneuerbaren Stroms zur Dekarbonisierung anderer Sektoren – wird attraktiver, wenn die Strompreise niedriger sind. Also: Abgaben und Umlagen in der Strombepreisung runter und CO2-Preise hoch. So ein Umfeld macht nämlich an sich schon klimaneutrale Geschäftsmodelle relativ zu ihren fossilen Alternativen attraktiver – oft auch ohne weitere Förderung.

Halten Sie diese Umgestaltung für gesellschaftlich akzeptabel?

Eine Reform, bei der die Abgaben und Umlagen abgebaut und durch eine CO2-Bepreisung ersetzt würden, würde einkommensschwache Haushalte entlasten und einkommensstarke Haushalte etwas stärker belasten. Das liegt daran, dass Letztere tendenziell einen höheren CO2-Fußabdruck haben. Die Umstellung wäre auch für viele Bereiche der Wirtschaft positiv. Durch die Entlastung entsteht finanzieller Spielraum und außerdem werden Geschäftsmodelle attraktiver, bei denen man erneuerbaren Strom in anderen Sektoren einsetzt, zum Beispiel für die Wärmeerzeugung oder die Mobilität. Energieintensive Unternehmen würden aktuell bei steigenden CO2-Preisen eine höhere Belastung erfahren. Diese kann man vermeiden, indem man Prozesse konsequent auf CO2-neutrale Verfahren umstellt, aber im Übergang muss hier sicherlich weiter über Entlastungen nachgedacht werden. So ist es auch heute schon.

Es gibt auch viele Plädoyers für die EEG-Umlage. Wäre eine Reform denn politisch durchsetzbar?

Meine Forderung nach der Abschaffung der EEG-Umlage ist keine Forderung, den Ausbau der Erneuerbaren weniger ambitioniert zu betreiben, im Gegenteil. Wir brauchen einen ambitionierten Ausbau, um die Energiewende zu meistern. Nur die Umlage der Kosten auf den Strompreis sollte überdacht werden, das schafft Ineffizienzen.

Welche Rolle bei der Finanzierung der Energiewende spielen staatliche Förderungen?

Die jetzt aufgerufenen Fördermittel sind ohne Zweifel hoch. Aber sie sind nur ein Bruchteil dessen, was investiert werden muss, um die Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft zu erreichen. Es braucht privatwirtschaftliche Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Wasserstoffwirtschaft – die Erzeugung, der Transport, die Nutzung im Rahmen von verschiedenen Anwendungen in der Industrie, in der Mobilität, in der Wärmeversorgung. Unternehmen, die Schlüsselkomponenten bauen können, müssen ihre Produktion anpassen und neue Expertise erlangen. Der Hochlauf der Wertschöpfungsketten ist gleichsam ein Koordinationsproblem. Denn ein Teil der Wertschöpfungskette hat ja ohne den anderen kein profitables Geschäftsmodell. Dieser simultane Hochlauf lässt sich nicht über kleinteilige Förderprojekte erreichen. Auch daher sind marktorientierte Mechanismen und eine konsequente Reform der Energiebepreisung so wichtig. Letzten Endes muss privatwirtschaftliches Kapital in großem Umfang mobilisiert werden, um diese Transformation zu erreichen.

Also gibt es eine weitere Säule der Finanzierung: das Lenken von Kapital in klimaneutrale Produkte.

Viele institutionelle Investoren achten schon heute auf die Klimawirkung ihrer Anlagen. Wichtig ist es nun, dass die Klimawirkung von Assets auch klar identifizierbar wird. Dazu muss vor allem eine transparente Zertifizierung von Produkten vorangebracht werden. Die EU hat im Jahr 2020 eine Taxonomie vorgelegt und will diese aktuell weiterentwickeln. Sie soll genauer klassifizieren, welche Finanzprodukte und welche Investitionen unter Klimagesichtspunkten nachhaltig sind. Dadurch sollen Möglichkeiten und Anreize für private Investoren geschaffen werden, auf nachhaltige Produkte zu fokussieren. Das wird sich perspektivisch auf den Umfang von „Green Finance“ auswirken. Das Volumen dieser Märkte wird sich massiv vergrößern.

Deutschland ist aktuell Nettoimporteur von Primärenergie. Könnte sich das durch Wasserstoff ändern?

In Deutschland sind für eine wirtschaftliche Produktion von grünem Wasserstoff mittels Elektrolyse besonders die windreichen Küstenregionen im Norden attraktiv. Aber das reicht nicht. Deutschland dürfte in einer klimaneutralen Zukunft Energieimporteur bleiben und einen großen Teil seiner Primärenergie aus dem sonnen- und windreichen Ausland einführen, wo die Stromgestehungskosten deutlich geringer sind. Bei einer Produktion von Wasserstoff im Ausland können Technologien aus Deutschland aber eine wichtige Rolle spielen – sowohl bei der Erzeugung von Wasserstoff in Vorzugsregionen als auch für den Transport nach Deutschland und in die weltweiten Verbrauchszentren. So entstehen perspektivisch neue Exportmärkte.

Wie sehen Sie Bayern in diesem Gesamtbild? Als Technologieführer?

In Bayern ist die Forschung im Bereich Wasserstoff und synthetische Energieträger stark aufgestellt. Dazu gibt es viele Unternehmen, die entweder heute schon zu den Technologieführern gehören, oder solche, für die es entlang der Wertschöpfungskette einer Wasserstoffwirtschaft hochattraktive Geschäftsmodelle gibt. Wir haben eine sehr große Automobil- und Zuliefererindustrie. Die befindet sich seit Längerem in einem Strukturwandel und sieht in dem Bereich Zukunftschancen. Diese Sektoren müssen sich bewegen. Aber die Politik muss auch gute Rahmenbedingungen schaffen. Das geschieht nun im Rahmen der Wasserstoffstrategien von Bund, Ländern und EU hoffentlich konsequent. Die entscheidenden Infrastrukturen müssen geplant werden – wer schafft sich schon Fahrzeuge an, wenn man sie nicht betanken kann? Wichtig sind auch die Ausbildung von Fachkräften an den Universitäten und ein schneller Technologietransfer: Die neueste Forschung muss noch schneller in marktfähige Produkte umgesetzt werden. All diese Aspekte adressiert auch die bayerische Staatsregierung in ihrer Wasserstoffstrategie. Durch die umfassenden Aktivitäten im Bereich des Klimaschutzes werden den Unternehmen Chancen eröffnet und mittelfristig nachhaltiges Wachstum generiert. Es werden zukunftsfähige Arbeitsplätze gesichert und neue geschaffen.

Sie sind Vorständin des Zentrums Wasserstoff.Bayern (H2.B). Was möchten Sie mit dem Wasserstoffzentrum in den nächsten fünf Jahren erreichen?

Strategische Initiativen wie das Zentrum Wasserstoff.Bayern oder auch Einrichtungen wie den Nationalen Wasserstoffrat, dem ich auch angehöre, halte ich für ganz wichtig, um jetzt Expertise zu bündeln und den Austausch zwischen ganz unterschiedlichen Akteuren in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zu befördern. Um Roadmaps zu entwickeln, die verdeutlichen, was auf welchen Zeitschienen wie weit entwickelt werden kann – und auch, unter welchen Rahmenbedingungen das möglich ist. Das erlaubt dann eine viel zielgerichtetere Diskussion darüber, welche Maßnahmen politisch ergriffen werden müssen. Ich glaube, es wird zunehmend deutlich werden, dass man stark auf marktliche Instrumente zur Koordination von Akteuren setzen muss.

Schaffen wir die Energiewende?

Ich bin mir ziemlich sicher. In den vergangenen Jahren hat die erhöhte Aufmerksamkeit für den Klimaschutz einen Paradigmenwechsel in der Energie- und Klimapolitik ausgelöst. Es scheint, als würden sich einige Knoten lösen, die Diskussion war zeitweise doch sehr festgefahren und kleinteilig. Die Wasserstoffstrategien und die Tatsache, dass Energiepolitik nun auch sichtbar Chancen für die Industrie eröffnet, das alles hat einen positiven Effekt. Ein großer Teil der Industrie, der Ambitionen in Richtung Klimaschutz als Bedrohung für die deutsche Wettbewerbsfähigkeit angesehen hat, sieht nun eher die Perspektiven. In der Klimadebatte werden sich dadurch einige Fronten verschieben. Dieses Momentum muss man unbedingt aufgreifen.